Pflege in Deutschland: Die schleichende Katastrophe

Die Große Koalition verspricht höhere Leistungen für die Pflege. Die so genannte Pflegeversicherung solle „zukunftsfest“ gemacht werden, sagt ein Referentenentwurf aus dem Bundesgesundheitsministerium. Doch die Maßnahmen reichen längst nicht, um das kommende Desaster im Pflegebereich aufzuhalten: Pflegebedürftige und ihre Angehörigen verarmen, Personal fehlt. Profitieren tun andere – unter anderem durch die Zwangsabgabe „Investitionskosten“.

In Sachen Vorsorge hatte mein Vater offenbar alles richtig gemacht: Als Selbständiger hart gearbeitet, die Familie versorgt, ein Haus gekauft, Geld fürs Alter gespart. Noch nach seinem 83. Geburtstag arbeitete er gelegentlich in seinem langjährigen Beruf. Von einem Tag auf den anderen änderte sich alles: doppelter Schlaganfall – rechtsseitige Lähmungen – Sprachausfall. Das Heim, in dem er nun lebt, gilt als das Beste im Orte. Das Personal ist freundlich und hilfsbereit. Doch auch dort gilt die Devise: Die Kunst des Möglichen. Oft muss er auf die Pflegerinnen warten, wenn er klingelt. Mein Vater hat Pflegestufe 2 und damit Anspruch auf Leistungen aus der ‚Pflegeversicherung‘.

‚Pflegeversicherung‘: Der Begriff hält nicht, was er verspricht. Die Pflegezuschuss-Versicherung – mehr ist es nicht – hat nicht verhindern können, dass zehntausende Pflegebedürftige im Alter trotz hoher Ersparnisse irgendwann zu Sozialhilfeempfängern werden. Tendenz: stark steigend. Als in Deutschland vor fast 20 Jahren die so genannte Pflegeversicherung nach langem politischen Tauziehen auf den Weg gebracht wurde, war ein wichtiges Kriterium: Die Kosten dürfen nicht ausufern.

‚Pflegeversicherung‘ = Teilversicherung

Drei Pflegestufen wurden eingeführt. Gutachter des „Medizinischen Dienstes“ sollten fortan nach Hausbesuch entscheiden, welcher Antragssteller Stufe 1, 2 oder 3 bekommt – „erheblich“, „schwer“ oder „schwerst“ pflegebedürftig. Als man in der Anlaufphase bemerkte, dass mehr als die ursprünglich geschätzten drei bis fünf Prozent der Antragsteller die Pflegestufe 3 zugesprochen bekamen, wurden die Kriterien per Verordnung verschärft: Mindestens fünf Stunden musste fortan ein schwerst Pflegebedürftiger täglich Hilfe benötigen um die Leistungen der Stufe 3 zu erhalten, davon vier Stunden ‚Grundpflege‘, auch nachts. Die Öffentlichkeit bekam von diesem Kniff nichts mit.

‚Leistungen aus der Pflegeversicherung‘: Auch diese Formel ist ein Euphemismus. Gewiss, es gibt Geld: Heimbewohner der Stufe 1 bekommen 1023 €, die mit Stufe 2 erhalten 1279 €. Bei Pflegestufe 3 zahlt der Staat 1550 € für die Pflege. Die Ausgaben für einen Heimplatz jedoch liegen weit höher. Mein Vater muss monatlich 1551 € zuzahlen – für Pflege, Wohnen, Essen und andere ‚Nebenkosten‘. Während in den letzten Jahren immerhin die Zuschüsse für Bedürftige der Pflegestufe 3 gelegentlich angehoben wurden, blieben die Beihilfen der Stufen 1 und 2 über viele Jahre auf dem gleichen Niveau. Doch die Kosten für eine Heimunterbringung sind stark gestiegen – über der Inflationsrate.

Kritisch ist die Lage in der Pflege schon lange. Und die Versorgung wird immer schwieriger: eine alternde Gesellschaft, notorisch unterbezahlte Pflegekräfte am Limit, starker Personalmangel, eine Pflege, die sich oft auf das Notwendigste beschränken muss, mit kaum Zeit für menschliche Zuwendung, ausgebrannte und finanziell in die Pflicht genommene Familienangehörige – Symptome einer gesellschaftlichen Krankheit im fortgeschrittenen Stadium. Der schleichende Kollaps des Systems scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Und doch finden sich auch in diesem Bereich Gewinnler, die von der Misere profitieren.

Die Umlage ‚Investitionskosten‘ – ein gesellschaftlicher Skandal

‚Investitionskosten‘ heißt die Vokabel, die viele zahlende Familienangehörige irritiert. Es ist ein in der Regel mehrere hundert Euro teuer Posten auf der monatlichen Rechnung des Pflegeheimes. Bei manch privatem Träger kommen auch schon mal Beträge von deutlich über 1000 € zusammen. Einen unmittelbaren Nutzen davon hat der Heimbewohner nicht. Hinter den ‚Investionskosten‘ verbergen sich die Ausgaben, die der Heimbetreiber in die Erhaltung, Renovierung und vor allem Neubau von Pflegeeinrichtungen steckt. Bei meinem Vater schlägt das mit 460 € pro Monat zu Buche. 334 € Miete für ca. 20 m² großen Wohnraum im Heim – Zimmer und kleines Duschbad – kommen noch dazu. Der Träger der Einrichtung hat einen kirchlichen Hintergrund. Auf dem angrenzenden Grundstück entsteht gerade ein moderner Neubau für betreutes Wohnen.

Vor Einführung der Pflegekasse waren die Zustände in den Heimen miserabel. Eine flächendeckende ambulante Pflege gab es vielerorts nicht. Hatte jemand einen Schlaganfall, konnte es passieren, dass er wochenlang in einem Krankenhaus verbleiben musste, bis endlich ein Platz in einem Mehrbettzimmer eines Heimes frei wurde. Als 1995 der damalige Bundessozialminister Norbert Blüm die Pflege(-Teil)versicherung aus der Taufe hob, mussten in kurzer Zeit viele neue Heimplätze geschaffen werden. Dies war absehbar ohne private Investoren nicht zu bewältigen.

Um diese zu locken und sie von den üblichen Risiken des Finanzmarktes fernzuhalten, legte der Gesetzgeber im Paragraph 82 des neuen Sozialgesetzbuches XI fest, dass die Bewohner von Pflegeeinrichtungen einen „angemessenen“ Anteil an diesen Investitionen tragen sollen. Bildet die Einrichtung zudem Pflegekräfte aus, werden außerdem Kosten zur Ausbildungsvergütung auf die zu Pflegenden umgelegt. Für meinen Vater macht allein dieser Posten 47 € im Monat aus.

Eine Aktie ohne Wert für die einen – ein Selbstbedienungsladen für die anderen

Wer investiert, erwirbt normalerweise eine Rendite oder Anteile. Bei Bewohnern von Pflegeeinrichtungen ist dies nicht der Fall: Ihre Pflichtbeilage ist futsch. Christoph Leusch hält in einem sehr lesenswerten Artikel im Community-Bereich von freitag.de die staatlichen Kontrollen darüber, was „angemessen“ ist, für unzureichend:

„Bei jenen Heimen, die noch eine staatliche Unterstützung erhalten oder erhielten, haben die Behörden zumindest ein Prüfrecht für die Angemessenheit der Investitionskosten. Sie sollen diese in einjährigen Intervallen kontrollieren. Wie das allerdings die jeweiligen Landesbehörden fachlich überhaupt bewältigen könnten, das bleibt derzeit ein Geheimnis des Gesetzgebers und der beauftragten Behörden. Die Komplexität der Materie kommt regelmäßig bei den wenigen Verfahren ans Licht, die vor einem Gericht landen.

Der Anteil der privaten Träger, die auf Fördergelder oder Beihilfen des Staates nicht zurückgreifen, wächst. Für sie gilt nur eine allgemeine Meldepflicht der bei den Heimbewohnern einverlangten Investitionskosten, aber für die Behörde keine Prüfpflicht, was denn in diesen Fällen mit „angemessen“ gemeint sein könnte.“

Der Staat zählt Schulen, Universitäten, Institutionen zur Rechtspflege, Straßenbau, teilweise Sportstätten und andere Infrastruktur zu seinen ureigensten Aufgaben und finanziert sie. Bei den notwendigen Ausgaben für einen würdigen Lebensabend seiner ältesten Bürger aber scheut er die Verantwortung. Trotz seinem Bekenntnis zu Sozialstaat und sozialer Marktwirtschaft überlässt Vater Staat dieses Feld renditehungrigen Kapitalisten – und kontrolliert sie kaum.

Goldgräberstimmung bei Pflegeheim-Investoren

Anleger in geschlossenen Immobilienfonds mit dem Zweck der Errichtung und dem Betrieb von Altenheimen sowie Häusern für betreutes Wohnen machen dagegen Kasse. Ich gab dieser Tage bei der Google-Suche die Stichworte „Investitionskosten“ und „Pflege“ ein und bekam an erster Stelle die als Werbung deklarierte Seite eines Fonds angezeigt. Die Überschrift in großen Lettern lautete: „Seniorenimmobilien als sichere Geldanlage“. Dort heißt es unter anderem:

„Ende 2007 waren in Deutschland knapp 2,3 Millionen Menschen pflegebedürftig. Davon waren ca. ein Drittel in einem der 11.000 deutschen Pflegeheimen untergebracht. Aufgrund des demographischen Wandels werden bis zum Jahr 2025 weitere 185.000 Pflegeplätze benötigt. Die Investition in eine Pflegeimmobilie ist also eine krisensichere, eurounabhängige Investition in die Zukunft.“

Als Vorzüge der Geldanlage werden angepriesen:

* „5,2 % gesicherte Rendite pro Jahr
*  20 Jahre garantierte Mieteinahmen
*  Sicherheit durch Betreiber (DRK, ASB, AWO, Caritas)
*  Börsen- und finanzkrisenunabhängig
*  DIREKT VOM EIGENTÜMER! OHNE COURTAGEN!“

Diese Goldgräberstimmung geht auf Kosten der Pflegebedürftigen und ihrer Familienmitglieder, die – nachdem die Rücklagen aus einem langen Arbeitsleben aufgebraucht sind – für diesen Reibach teuer zuzahlen müssen. Können auch sie das Geld nicht aufbringen oder hat der Heimbewohner keinen Nachwuchs, muss die Sozialhilfe einspringen: Eine Umverteilung von unten nach oben!

Mitte der 1990er Jahre arbeitete ich – neben dem Studium – in der ambulanten, gelegentlich in der stationären Pflege. An die Einführung der ‚Pflegeversicherung‘ 1995 knüpften viele der damaligen Kollegen Hoffnungen. Doch statt eines ordentlichen Lohnzuwachses gab es für die Mitarbeiter in der häuslichen Pflege mehr Leistungsdruck durch ein Punktesystem. Die Vergütung nach Zeit entfiel. Dauerten pflegerische Verrichtungen bei einem Klienten zu lange oder waren sie zu aufwändig, konnte es passieren, dass man ein Defizit mit ihm machte. Bei manchen ambulanten Pflegediensten heißt es dann in solchen Fällen regelmäßig: Ab ins Heim.

Dort ist es deutlich teurer – obwohl auch hier die Pflegekräfte meist im Mindestlohn-Bereich schuften: trotz enormer Verantwortung, harter körperlicher Arbeit und Schichtdienst. Im Heim meines Vaters sind in den letzten Monaten mehrere Pflegerinnen in den Vorruhestand gegangen – sie konnten oder mochten nicht mehr. Männer trifft man selten in diesem Job an. Der Anteil von Zuwanderinnen im Kollegium ist hoch.

Ein neuer Gesundheitsminister will sich profilieren

Neue Koalition – neue Pläne. Seit wenigen Monaten ist Hermann Gröhe Bundesgesundheitsminister. Er will von sich reden machen und muss die Mammutaufgabe Pflege angehen – ein Thema, das seine Amtsvorgänger nur ungern anfassten. Die Assoziationen mit Alter, Krankheit und Tod machen den Gegenstand nicht gerade sexy für das politische Alltagsgeschäft. Geld für die wachsenden Anforderungen ist auch nicht leicht aufzutreiben. Die Mindestlohn-Debatte dürfte in diesem Bereich zu merkbar höheren Gehältern führen. Endlich, sagen viele.

Gröhe hat angekündigt die Situation in der Pflege zu verbessern. Eine Neueinteilung in nunmehr fünf Pflegestufen ist angedacht. Man arbeite an einem „neuen Pflegebegriff“, so der Minister. Aus einem Referentenentwurf aus dem seinem Hause sickern Einzelheiten zu den Planungen durch: Der Pflegebeitrag soll für alle Arbeitnehmer in den kommenden Jahren um 0,5%-Punkte erhöht werden. Die Zuschüsse für Bedürftige aus der Pflegekasse steigen, teilweise zum ersten Mal seit 1995. Für Angehörige der Pflegestufe 2 sind es in Zukunft 1330 € monatlich – also 51 € oder gut 4% mehr. Die ‚Pflegeversicherung‘ werde „zukunftsfest“ gemacht, schwärmen die Autoren des Konzepts. Die Süddeutsche Zeitung schreibt – offenbar in enger Anlehnung an das Papier aus Gröhes Ministerium: „Eine derart saftige Erhöhung zu verkünden hat sich seit 1996 – dem Jahr nach der Einführung der Pflegeversicherung – keine Bundesregierung getraut.“ Und weiter: „Es profitieren als erstes ganz direkt die alten und kranken Menschen.“

Bei näherem Hinsehen wird klar: Viel Realität steckt nicht in diesen Behauptungen. Der Selbstbedienungsladen ‚Investitionskosten‘ bleibt unangetastet. Die Erhöhung reicht vorne und hinten nicht. Mein Vater kann über die Pläne aus dem Gesundheitsministerium nur ungläubig lachen. Die Leitung seines Heimes hat angekündigt „wegen höherer Personal- und Sachkosten“ die Entgelte anzuheben. Die monatliche Zuzahlung beläuft sich künftig auf 1874 € – eine Steigerung um 323 €.

© Michael den Hoet

* * *

Linktipps:
NDR-Sendung „Kostenfalle Pflege“, Sendereihe ’45 Minuten‘ vom 7.4.2014 – mit Themenspecial und Kurzvideos
WDR-Sendung „Pflegeheim-Monopoly. Wenn der alte Mensch zur Ware wird“, Sendereihe ‚Die Story‘ vom 10.03.2014

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7 Kommentare

  1. Guten Tag,

    ich habe mir erlaubt auf meinen Blog auf Ihren Artikel hinzuweisen. Sollte es für Sie nicht in Ordnung sein, melden Sie sich bitte bei mir.

  2. Thorsten Meier · · Antwort

    Warum gibt es in Heimen so wenig Personal, wenn doch laut MDK bei Pflegestufe 3 4h für die Grundpflege gefordert sind? Ist eigentlich bekannt, aber anscheinend dem Autor nicht.

    Vor der Pflegeversicherung galt das Selbskostendeckungsprinzip. Die Situation in den Heimen war deutlich besser. Falsch recherchiert! Die Pflegeversicherung wurde ja gerade eingeführt, um durch Konkurrenzbildung die Kosten zu senken.

    Warum entspricht bei einer Immobilie eine Rendite von 5,2% einer Goldgräberstimmung. Wenn ich mehrere Millionen in ein Objekt investiere, welche Rendite ist dann nach Ansicht des Autors akzeptabel? 2%? 1 % ? Überhaupt darüber nachgedacht?

    Interessante Fragen wären: was soll/darf eine h Grundpflege eigentlich kosten? Wieviel h Pflege wollen wir den Pflegebedürftigen pro Tag zugestehen? Und was kostet das dann pro Monat?
    Ich behaupte, eine h Grundpflege sollte etwa 45 E kosten. 2h Pflege pro Tag im Durchschnitt wären nicht zu viel verlangt,oder? Heißt konkret: 2700 Euro/Monat nur für die pflegerische Versorgung.

    Kleiner Hinweis: wieviel Geld gibt man in Schweden, Holland oder Dänemark für die Pflege aus? Was kostet dort ein Heimplatz?

    Sehr enttäuschender Beitrag, aber leider symptomatisch für den journalistischen Umgang mit dem Thema.

    1. Hallo, Herr Thorsten Meier,
      vielen Dank für Ihre Rückmeldung – auch und gerade weil Sie sich kritisch äußern.
      Da Sie mich direkt ansprechen, gehe ich auf einige Ihrer Fragen ein:

      „Warum gibt es in Heimen so wenig Personal, wenn doch laut MDK bei Pflegestufe 3 4h für die Grundpflege gefordert sind?“
      – Ich empfehle in diesem Zusammenhang den ZEIT-Artikel vom 5.6. „Der Pflege-Aufstand“ und dort insbesondere die Kommentare 37 bis 39 (http://www.zeit.de/2014/24/pflegeheime-beurteilung?commentstart=33#comments), wo anhand von Berechnungen konstatiert wird: „Die Unterversorgung ist eingebaut“. Andere Antworten liegen auf der Hand: Der Pflegeberuf ist für viele untattraktiv geworden – siehe oben. Viele Einrichtungen behelfen sich mit Hilfs- und Zeitarbeitskräften (ist ja auch billiger). Und ein Blick auf die demographischen Grunddaten macht deutlich: Der zunehmenden Zahl von zu Pflegenden stehen immer weniger potenzielle Pflegekräfte in Deutschland gegenüber. Heute schon ein Problem – und in zwanzig Jahren…?

      „Vor der Pflegeversicherung galt das Selbskostendeckungsprinzip. Die Situation in den Heimen war deutlich besser… Die Pflegeversicherung wurde ja gerade eingeführt, um durch Konkurrenzbildung die Kosten zu senken.“
      – Auch wenn es hier und da gute Gegenbeispiele gegeben haben mag, habe ich andere Erfahrunen: Die allgemeine Situation in der stationären Pflege war vielerorts schlecht, die Wartelisten für Plätze in Pflegeheimen lang, es war schon damals teuer und Einzelzimmer ein seltener Luxus. Abgemildert wurde die Misere allenfalls durch den Umstand, dass der damalige Anteil der Menschen mit altersbedingter Pflegebedürftigkeit aufgrund des Zweiten Weltkriegs verhätlnismäßig gering war. Eine echte Konkurrenzsituation ist indes seit Einführung der Pflege-Teilversicherung von 20 Jahren kaum entstanden – noch immer bekommen auch schlechte Häuser ihre Zimmer voll. Für eine Pflegeversicherung gab es damals noch andere Gründe: Die steigenden Sozialhilfekosten für Pflege, die Demographie, die Kostenentlastung für Pflegebedürftige und Angehörige usw.
      Letztlich ist es nur eine Pflegekostenzuschuss-Versicherung geworden, die Probleme dämpfte, ohne sie grundlegend zu lösen. Die demographische Zeitbombe wurde nicht entschärft, die Kosten sanken nicht – im Gegenteil.

      „Warum entspricht bei einer Immobilie eine Rendite von 5,2% einer Goldgräberstimmung. Wenn ich mehrere Millionen in ein Objekt investiere, welche Rendite ist dann nach Ansicht des Autors akzeptabel? 2%? 1 % ?…“
      – Gerade hat die Europäische Zentralbank den Leitzins auf ein historisches Tief von 0,15% gesenkt. Eine garantierte Mindestrendite von über 5%, über 20 Jahre garantiert, während gleichzeitig Millionen von Lebensversicherungen entwertet werden: Entschuldigung, bei welchem Anlageprodukt gibt es das noch?
      Man muss nicht unbedingt bemängeln, dass es Investoren gibt, die Pflegeeinrichtungen finanzieren – und Gewinne erwarten: Wie sonst sollten sie überhaupt entstehen, nachdem der Staat sich hier zunehmend aus der Verantwortung zurückgezogen hat? Der Skandal besteht darin, dass die angegebenen, fetten Renditen durch eine de facto-Enteignung – ohne Gegenwert! – von Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen subventioniert werden. Meines Erachtens ein Widerspruch zum Eigentumsrecht nach Artikel 14 des Grundgesetzes und vor allem: ungerecht.

      „Interessante Fragen wären: was soll/darf eine h Grundpflege eigentlich kosten? Wieviel h Pflege wollen wir den Pflegebedürftigen pro Tag zugestehen? Und was kostet das dann pro Monat?…“
      – Sehr berechtigte Fragen, die wir gerne weiter thematisieren können. Meines Erachtens impliziert das Wort ‚Pflegebedürftiger‘ vor allem: Welches Mindestmaß an Pflege (= Zeit- und Arbeitseinsatz eines anderen) benötigt er, um überhaupt über die Runden zu kommen? Was ist darüber hinaus geboten, wünschenswert und/oder machbar? Ist es etwas, was wir ihm ‚zugestehen‘ oder hat er nicht vielmehr doch einen menschenrechtlichen bzw. grundgesetzlichen Anspruch darauf? Da halbwegs angemessene Pflege bei gleichzeitig einigermaßen fairer Bezahlung der Pflegekräfte ohnehin schon teuer genug ist: Muss es dann wirklich sein, dass auch noch Leute, die mit der direkten Pflegeleistung an sich nichts zu tun haben, auch noch Geld aus dem System ziehen?

      „Wieviel Geld gibt man in Schweden, Holland oder Dänemark für die Pflege aus?…“
      – Schon Ende der 1970er Jahre erlebte ich im niederländischen Heim meiner Großmutter eine so positive Gesamtsituation, wie sie bis heute bei uns noch nicht erlebt habe. (Beispiel: Man achtete auf einen guten Schlüssel zwischen Rüstigen und schwerer Pflegebedürftigen. In vielem halfen sich Heimbewohner gegenseitig. In Deutschland sind Heimbewohner vor allem solche Menschen, die kaum noch über Selbständigkeit im Alltag verfügen.) In Skandinavien, den Niederlanden oder der Schweiz ist vieles teurer – aber dafür auch etablierter und besser. Bitte erwarten Sie nicht, dass ich es für jedes andere Land in Europa recherchiere – Thema sind eine Auswahl von Missständen hierzulande – doch ich weiß zum Beispiel, dass bei den Eidgenossen Angehörige von Heimbewohnern nicht finanziell für Pflegekosten belangt werden.

      Was Sie von dem Artikel halten, ist ihre Freiheit – das habe ich nicht zu kommentieren. Jedenfalls danke ich Ihnen, dass Sie sich damit auseinandergesetzt haben. Das Thema Pflege ist zu wichtig um es zu verdrängen.

  3. Thorsten Meier · · Antwort

    Sehr geehrter herr den Hoet,

    vielen Dank für ihre ausführlich Antwort.

    Auf zwei Punkte möchte ich zunächst eingehen. Falls sie Interesse haben, können wir aber auch noch andere Punkte erörtern.

    Wenn sie ein paar Millionen übrig haben, können sie die auch heute langfristig für deutlich über 2 % sicher anlegen. Immobilien sind auch eine langfristige Investition und ich kann leider immer noch nicht erkennen, was an einer Rendite von 5% so problematisch sein soll.
    Auf jeden Fall würde auch eine Reduktion dieser gewinne auch nur ansatzweise das Pflegeproblem lösen.

    „Im Vergleich zu den vorgestellten Ländern weist Deutschland neben Großbritannien und Spanien die niedrigsten Pflegeausgaben auf. In den skandinavischen Ländern sowie in den Niederlanden hat die Altenpflege den größten Stellenwert. In Schweden und den Niederlan-den liegt der Anteil der Pflegeausgaben am BIP fast viermal höher als in Deutschland.“

    http://www.wip-pkv.de/uploads/tx_nppresscenter/Pflegeausgaben_im_internationalen_Vergleich.pdf

    Das erscheint mir doch eher eine Erklärung für den desolaten Zustand der Pflege in Deutschland zu sein. Wie sie sicher bemerkt haben – auch in der aktuellen Zeit-Debatte – glauben sehr viele Menschen einfach, dass 3000 Euro für die Pflege sehr viel Geld seien, ohne vorzurechnen, was mit diesem Geld genau zu finanzieren wäre. Eine menschenwürdige Pflege auf jeden Fall nicht. Hier läge ein enormer Aufklärungsbedarf. Und erst wenn klar wäre, was ausreichende Pflege kosten würde, könnte man darüber debattieren, wie das zu finanzieren ist. Im Augenblick bestimmen aber Augenwischereien und Schuldzuweisungen das Bild, so dass sich nichts ändern muss, da man ja immer – je nach Gusto – einen Schuldigen aus dem Hut zaubert: Die Politik, die gierigen Heimbetreiber, die kaltherzigen Kostenträger und die unfähigen Aufsichtsinstanzen.

    1. Hallo Herr Meier,
      (ich kam erst nach Stunden dazu zu moderieren und habe einfach die spätere Version ihrer letzten Antwort online gestellt – in Ordnung für Sie?)
      Was ist an einer Rendite von 5% ‚problematisch‘? Nochmals: Dass sie zu einem guten Teil aus den – in meinen Augen wahrscheinlich verfassungswidrigen – Investitionskosten gespeist werden, die den Pflegebedürftigen aus der Tasche gezogen werden. Mit der Ausbildungsumlage ist es dasselbe. Bei meinem Vater sind allein mit diesen Zwangsbeiträgen über 40% des Zuschusses aus der Pflegekasse weg – einfach so. Bei vollprivaten Betreibern ist der Anteil oft sogar deutlich höher.

      Sie betonen dagegen die Unvermeidlichkeit beträchtlicher Kosten und verweisen auf Länder wie Schweden oder die Niederlande. Gewiss: Dort scheint man begriffen zu haben, dass eine gut organisierte und solider finanzierte Pflegebranche nicht nur ‚Kosten verursacht‘, sondern auch Werte und Lebensqualität schafft – messbar sogar in den Zahlen zum nationalen Bruttosozialprodukt. Ich danke Ihnen für Ihre anregenden und nützlichen Hinweise diesbezüglich. Der Schwerpunkt meines Artikels war indes ein anderer.

      Wenn Sie allgemeines Lamentieren und Schuldzuweisungen tadeln: Es gibt diejenigen, die sich über alles und jenes beklagen, aber eben auch objektive, schwere und systembedingte Missstände. Und es gibt auch Menschen, deren Stimme man in der Diskussion kaum hört, weil sie entweder zu wehrlos oder zu überlastet sind: Die zu Pflegenden selbst und ihre Angehörigen. Sie sind die Machtlosesten in der Pflegehierarchie, obwohl ihnen doch eigentlich der ganze Aufwand gelten soll.

      Auch wenn es abgedroschen klingen mag: Hier darf man die Politiker nicht aus ihrer Verantwortung lassen. Der neue Gesundheitsminister Gröhe hat – das erkenne ich an – in wenigen Monaten mit seiner jüngsten Reform bereits mehr geleistet als viele seiner Amtsvorgänger in mehr als einem Jahrzehnt. Nur: Warum braucht es gut zwanzig Jahre, bis Gesundheitsminister zum Beispiel anfangen zu begreifen, warum auch Demenzkranke eine pflegerische Herausforderung darstellen?

      Wenn ich jedoch das Vokabular höre, mit dem Gröhe und die Seinigen die jüngsten Schritte insachen Pflege feiern und politisch auszuschlachten versuchen, dann frage ich mich: Glaubt er wirklich, dass man mit zwei Eimern Wasser einen Großbrand in einem Mehrfamilienhaus löschen kann?

  4. Sehr geehrter Herr den Hoet,
    Claus Fussek hat mich auf Ihren interessanten Beitrag hingewiesen, den ich gerne in unserem Online-Magazin http://www.pflege-prisma.de vorstellen würde, wenn Sie erlauben. Ich selbst habe auch ungezählte Male auf die Goldgräberstimmung hingewiesen, seit Einführung der Pflegeversicherung. Ihre Argumentation finde ich schlüssig und treffend. Vieles war mir bekannt, einiges habe ich so noch nicht gesehen.

    Prädikat Empfehlenswert!

    Mit herzlichem Dank und Gruß
    Adelheid von Stösser
    Pflege-Selbsthilfeverband e.V.
    http://www.pflege-shv.de

  5. Hat dies auf Frau Sofas Gedanken rebloggt und kommentierte:
    Wurde 2014 geschrieben. Bitte lest diesen Beitrag von historix108.

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