Niederlande/Belgien: Nächster Fake-Reporter aufgeflogen

In den Niederlanden ist ein bekannter Journalist ertappt worden, der es jahrelang mit der Wahrheit nicht so genau nahm. Nach dem Fall Relotius offenbart auch die Betrügerei des Peter Blasic aktuelle Krisensymptome des Journalismus.

In Deutschland wurde vor kurzem der vermeintliche ‚Spiegel‘-Starreporter Claas Relotius als Hochstapler enttarnt. Nun wurde auch in den Niederlande bzw. Belgien ein Journalist entlarvt, der über längere Zeit systematisch Artikel fälschte. In einem ausführlichen Bericht enthüllte „De Groene Amsterdammer“ die Geschichte von Peter Blasic. „Er schrieb über abgeschlossene Welten, zu denen andere Berichterstatter kaum Zugang hatten. Und schaffte es damit oft aufs Titelblatt. Denn die Medien wollten aalglatte Geschichten“, so das seit über hundert Jahren bestehende Wochenblatt. Blasic lieferte unter anderem Artikel über den IS in Syrien oder die Drogenszenen in Flandern und in den Niederlanden. Zudem überraschte er mit Reportagen vom Balkan. Im Kosovo und anderswo wusste man längst, dass er ein „kreativer“ Schreiber war. Allerdings wollten renommierte, einst angesehene Medienhäuser im niederländischsprachigen Raum es nicht so genau wissen und kauften weiterhin seine Berichte.

Journalistische Fälschungen hat es immer wieder gegeben. Der Unterschied zu früher scheint zu sein: Es dauert länger, bis die Serientäter auffliegen. Bei den Fällen Relotius und Blasic – nach ihnen dürften gewiss bald weitere Fake-Berichterstatter erwischt werden – zeigen sich die Symptome der Krise des Journalismus. Sie gibt es nicht nur bei uns, sondern in vielen westlichen Ländern. Da heutzutage das Internet als allgemeine Informationsquelle eine größere Bedeutung gewonnen hat als klassische Zeitungen und Magazine, verlieren die Verlagshäuser immer mehr Leser und Werbekunden. Der Rationalisierungsdruck ist groß. Redaktionen werden zusammengelegt. Junge Journalisten, die meist nur als „freie“ Mitarbeiter unter einem beachtlichen Existenzdruck stehen, müssen sich einiges einfallen lassen – und liefern. Auch bei seriösen Blättern wird immer weniger vernünftig nachrecherchiert. Und so verdrängt das Streben nach Aufmerksamkeit immer mehr die Suche nach der nackten Wahrheit. Für die Journalisten, die den Berufethos noch ernst nehmen, ist dies eine sehr, sehr bedenkliche Entwicklung.

Ein legendärer Sündenfall im deutschen Journalismus: Die im ‚Stern‘ 1983 präsentierten Hitler-Tagebücher entpuppten sich als Fälschung. Foto: BR

In einer solchen Situation könnten vernünftig geführte öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten eine wichtige, korrigierende Rolle einnehmen. Sie haben durch den in der ganzen Bevölkerung erhobenen Rundfunkbeitrag keine Existenzsorgen, können sich viele fest angestellte, gut dotierte Journalisten leisten. Doch leider hat sich in deren Nachrichten- und Reportage-Redaktionen unterschwellig eine Art politische Agenda breitgemacht. Insbesondere in der Flüchtlingskrise 2015/16 schienen sich die Auswirkungen der Großen Koalitionen in den Rundfunkräten auch auf die Vorgaben bezüglich Themenauswahl und Bewertungen politischer Ereignisse niederzuschlagen: Der Parteien-Proporz aus Bundestag und Landtagen spiegelt sich auch in den Gremien der großen Funkhäuser wider.

Der unsägliche Trend zum „Journalismus mit Haltung“ verleitet gerade die weniger lebenserfahrenen Redakteure dazu, mit ihrem Mangel an unterscheidender Weisheit wichtige Standards des Berufsstandes nicht mehr einzuhalten. Sie meinen, oberflächlichen Anstand und politische Korrektheit demonstrieren zu müssen – und entmündigen mit platter Meinungsmache immer mehr Zuschauer bzw. Zuhörer. Ihre Kernaufgabe kommt dabei zu kurz, nämlich: Die Bürger/Gebührenzahler/Wähler so nüchtern und umfassend über Fakten zu informieren, dass der sich – je nach Blickwinkel – eine eigene Meinung bilden kann. Die Doktrin der unvergessenen Reporterlegende Hajo Friedrichs, derzufolge ein guter Journalist sich nie mit einer Sache gemein macht, auch nicht mit einer guten Sache: Sie wird leider in den öffentlich-rechtlichen Medien, wo Friedrichs einst Karriere machte, immer mehr verdrängt. In der gegenwärtigen Krise sind ARD und ZDF keine Leuchttürme. Mündige, kritisch beobachtende, unterscheidende Bürger sind wichtiger denn je. Im gegenwärtigen Journalismus finden sie immer weniger Orientierung.

Siehe dazu auch Bericht der „Aachener Nachrichten“: Fake-News-Vorwürfe gegen Limburger Journalisten

friedrichs doktrin

Foto: Website Hanns Joachim Friedrich-Preis (frühere Version)

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