Im Namen Europas – Danke, Alois Mock!

Am Donnerstag starb nach langer Krankheit der ehemalige österreichische Außenminister und ÖVP-Spitzenpolitiker Alois Mock im Alter von 83 Jahren. Als Deutscher mit niederländischen Wurzeln und Osteuropa-Affinität werde ich ihn als echten Europäer in guter Erinnerung behalten.

Oberflächlich gesehen, wirkte es wie ein gemütlicher Pressetermin. Im Nachhinein muss man feststellen: Es war ein historischer Moment mit großer Signalwirkung. Am 27. Juni 1989 zerschnitten der österreichische Außenminister Alois Mock und sein unvergessener ungarischer Amtskollege Gyula Horn bei Sopron (Ödenburg) einen Stacheldrahtzaun an der Grenze zwischen Ungarn und Österreich. „Dieser Augenblick erfüllt mich mit einem großen Optimismus“, sagte der ÖVP-Politiker damals – bestens gelaunt. „Einer der schönsten meiner diplomatischen und politischen Tätigkeit.“ Mocks freudiges Bauchgefühl sollte ihn nicht trügen.

Alois Mock (l.), Österreichs Außenminister und sein ungarischer Amtskollege Gyula Horn beim symbolischen Durchtrennen eines Stückchens des Eisernen Vorhanges am 27. Juni 1989.

Im Nachhinein muss man feststellen: Einen besseren Termin für das symbolische Lüften des ehemaligen „Eisernen Vorhangs“ hätte es nicht geben können. Gorbatschows Umgestaltungspolitik, der Freiheitsdrang der Ungarn und anderer osteuropäischer Völker, die alternden, abgewirtschafteten Regime in den Ländern des „Warschauer Pakts“, die Abrüstungsinitiativen zwischen NATO-Staaten und der Sowjetunion, Österreichs Willen, die Gunst der Stunde zu nutzen um aus der gefühlten Randlage mit drei Ostblock-Grenzen herauszukommen: Es kamen viele Faktoren zusammen, die 1989 zu einem so besonderen Jahr für Europa machen sollten.

Bald versammelten sich zehntausende DDR-Bürger in Ungarn, um über die nun grüne Grenze in den Westen zu fliehen. Die ungarischen Reformsozialisten blieben mutig bei ihrem Öffnungskurs – ihre Staatsbürger konnten längst Reisepässe bekommen und in den Westen reisen. Österreicher kümmerten sich rührend um die Ostdeutschen und organisierten trotz großer Herausforderungen einen reibungslosen Transit der Menschen in die Bundesrepublik. Die Reisefreiheit war nicht zu stoppen. Die DDR erlebte – ohne dass auch nur ein Pistolenschuss gefallen wäre – alsbald ihre Abwicklung.

In Polen hatte sich der Wandel mit „Runden Tischen“ schon im Frühjahr angedeutet. In der damals noch geeinten Tschechoslowakei ging der Umsturz unter der Führung des kurz zuvor aus dem Gefängnis entlassenen Poeten Václav Havel am schnellsten vonstatten. Wenige Stunden nach der Öffnung der Berliner Mauer setzte die Kommunistische Partei in Bulgarien den langjährigen „starken Mann“, Todor Schiwkow, ab und reformierte sich ebenfalls im Schnelldurchgang. Nur in Rumänien kam es in den Tagen vor Weihnachten zu einer blutigen Revolution. Die berüchtigte Geheimpolizei (Securitate) schoss gegen das eigene Volk. Erst nachdem der langjährige Diktator Ceaușescu gefangen genommen und nach einem Schnellverfahren mit seiner Frau hingerichtet worden war, schwiegen die Waffen. Am 27. Dezember – exakt ein halbes Jahr nach dem gemütlichen Treffen zwischen Horn und Mock im Burgenland – hatten sich die Völker in den sozialistischen Satellitenstaaten der Sowjetunion selbst befreit.

„Es ist, als habe einer die Fenster aufgestoßen nach all den Jahren der Stagnation, der geistigen, wirtschaftlichen, politischen, den Jahren von Dumpfheit und Mief, von Phrasengedresch und bürokratischer Willkür, von amtlicher Blindheit und Taubheit“, erklärte der DDR-Schriftsteller Stephan Heym auf der großen Demonstration vor einer Million Menschen in Ost-Berlin, wenige Tage vor der Maueröffnung vom 9. November 1989. Das Luftloch, das durch das Wegschneiden von einem Meter Grenzzaun entstanden war: Es wirkte wie das kleine Dachbodenfenster, durch dessen Öffnen plötzlich ein Durchzug entstand, der den frischen Wind der Freiheit ansog – im ganzen Haus Europa.

Freiheit und Umgestaltung muss man lernen. Ich hatte in den Jahren vor 1989 einige Reisen nach Ungarn, Polen und in die DDR hinter mir. Bald sollte ich Russland näher kennen lernen. Viele Osteuropäer nutzten neue Chancen, manches Leben wurde komplizierter. Nicht jeder startete durch. Und auch wenn heute bei nicht wenigen Menschen die Nostalgie um sich greift: Es lebt sich insgesamt viel besser als vorher, ohne Unfreiheit, Unterdrückung und atomare Überrüstung.

Auch für Österreich eröffneten sich durch den Wegfall des Ost-West-Konflikts neue Möglichkeiten. Alois Mocks Eintreten für einen Beitritt zur EU war da nur folgerichtig. Später, nach dem furchtbaren, gewaltsamen Auseinanderfallen Jugoslawiens, bemühte er sich insbesondere um enge Beziehungen zu den Neuen Nachbarstaaten Slowenien und Kroatien.

Man mag heute nostalgisch auf den damaligen Abbau von Grenzanlagen schauen. Aber man muss auch die großen Unterschiede sehen: 1989 und in den Folgejahren war es gut und richtig, dass Menschen verschiedener Länder des gleichen Kontinents zusammenkamen. Heute müssen wir dieses Europa schützen und uns darauf konzentrieren, den Menschen aus anderen Teilen der Welt und mit anderer Kultur dort zu helfen, wo sie herkommen. Die neuen Grenzzäune – leider notwendig geworden durch schwere politische Fehler und schlechten Zusammenhalt einer sehr groß gewordenen EU – sind nicht mit dem Stacheldraht früherer Ostblockländer zu vergleichen, hinter denen ganze Völker eingesperrt wurden.

Nicht nur in der Flüchtlingskrise 2015/16 war es ein Segen, Österreich in der EU zu haben. Die nach 1989 gewachsenen Verbindungen Wiens zum Balkan waren ein wichtiger Schlüssel beim Schließen der „Balkanroute“. Ohne diese Maßnahme wäre die Überforderung Europas und der Verlust von Sicherheit bald besiegelt gewesen. Der heutige Außenminister Kurz hat des Öfteren betont, dass Österreichs Maßnahmen zum Umgang mit den Flüchtlingsströmen so etwas wie der „Plan B“ seien: Ein einheitliches, vernünftiges Vorgehen der gesamten EU wäre ihm lieber. Einen Widerspruch zur erfolgreichen Außenpolitik von Alois Mock sehe ich darin nicht: Die Bedingungen haben sich geändert. Der Geist der Zusammengehörigkeit Europas, der sich 1989 formierte, wäre heute wahrscheinlich genau das, was der Kontinent am meisten bräuchte – angesichts der Krisen in der Ukraine, Nordafrika und Nahost sowie der Bedrohung durch den islamistischen Terror.

Ich möchte Alois Mocks innenpolitisches Wirken in Österreich nicht bewerten – andere kannten es besser als ich. Aber sein Einsatz für Europa: Dafür zolle ich dem früheren Außenminister Wiens große Anerkennung und Dank!

Die Wiedervereinigung Deutschlands und das Zusammenwachsen Europas als Wertegemeinschaft: Die Kettenreaktion nahm damals ihren Anfang – bei dem gemütlichen Pressetermin mit Gyula Horn und Alois Mock am sonnigen 27. Juni 1989 an der ungarisch-österreichischen Grenze.

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Siehe auch:

Nachruf auf Alois Mock im „Standard“

In Memoriam: Alois Mock – Ein großer Europäer, Film ORF, 1.6.2017 (53:39 Min). Verfügbar bis 10.6.2017

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