Der Holocaust-Gedenktag und die Flüchtlingsfrage

Glaubt man der Berichterstattung, stand die diesjährige Holocaust-Gedenkstunde im Deutschen Bundestag im Zeichen der aktuellen Flüchtlingskrise. Ehrengast Prof. Ruth Klüger bewundert die derzeitige deutsche Flüchtlingspolitik – aber diese ist umstritten.

Klüger, Holocaust, Gedenktag, Bundestag

Hielt eine beeindruckende Rede: die Holocaust-Überlebende Prof Ruth Klüger

Seit 1996 erinnert der Bundestag alljährlich an die Opfer des Nationalsozialismus – auch an diesem 27. Januar 2016: dem Jahrestag der Befreiung des ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. Ein gutes, würdiges und wichtiges Gedenken mit Tiefgang!

Bei der diesjährigen Feierstunde berichtete die heute 84jährige Ruth Klüger, US-amerikanische Literaturwissenschaftlerin österreichischer Herkunft, hautnah über ihre Erfahrungen als Kind in mehreren Konzentrations- und Arbeitslagern während des Zweiten Weltkrieges. Eindringlich schilderte sie die Auswirkungen von Hunger, Auszehrung und Erniedrigung durch jahrelange Zwangsarbeit.

Zum Schluss ihres Vortrages machte Klüger einige Anmerkungen zur aktuellen Flüchtlingspolitik in Deutschland:
“Verehrtes Publikum, ich habe jetzt eine ganze Weile über moderne Versklavung als Zwangsarbeit in Nazi-Europa gesprochen und Beispiele aus dem Verdrängungsprozess zitiert, wie er im Nachkriegsdeutschland stattfand. Aber eine neue Generation, nein, zwei oder sogar drei Generationen sind seither hier aufgewachsen, und dieses Land, das vor 80Jahren für die schlimmsten Verbrechen des Jahrhunderts verantwortlich war, hat heute den Beifall der Welt gewonnen, dank seiner geöffneten Grenzen und der Großzügigkeit, mit der Sie syrische und andere Flüchtlinge aufgenommen haben und noch aufnehmen. Ich bin eine von den vielen Außenstehenden, die von Verwunderung zu Bewunderung übergegangen sind.”
Den Merkel’schen Slogan “wir schaffen das” bezeichnete Frau Klüger als “heroisch”. In vielen Berichten zur Gedenkstunde des Bundestages wurden gerade diese Aussagen hervorgehoben.

Einen dieser Berichte kommentierte ich in einem Online-Forum wie folgt:
Ich habe einen riesigen Respekt vor Frau Klüger und ihren Lebenserfahrungen, die sie am Holocaust-Gedenktag mit uns teilte – großen Dank dafür!

Bezüglich der Anmerkungen zur „Bewunderung“ für die Flüchtlingspolitik sehe ich zwei verschiedene Aspekte: a) den menschlichen und b) den praktisch-politischen.

Was den a) menschlichen Teil anbelangt, freut mich Frau Klügers Enthausiasmus über die Großzügigkeit sehr vieler Deutscher gegenüber Flüchtlingen. Deutschland ist nach 1945 ein besseres Land geworden, das wichtige Lehren aus seiner Geschichte gezogen hat. Das Asylrecht im Grundgesetz 1949 gab es in Verfassungen anderer Länder bis dato gar nicht. Es war ein Zeichen für die Übernahme von Verantwortung für Leidtragende von Krieg und Verfolgung. Auch wenn dieses Asylrecht Jahrzehnte später aus guten Gründen eingeschränkt wurde, bleibt es eine Errungenschaft. Dass Frau Klüger Hilfsbereitschaft und Mitgefühl würdigt, ist richtig: Sie gehören zu den besten Qualitäten des Menschen.

Aber damit Mitgefühl seine positive Wirkung voll entfalten kann, braucht es ein Minimum an Weisheit. Und hier hat – Aspekt b) – die aktuelle Regierung Merkel leider ihre Hausaufgaben nicht gemacht: kein Plan, keine Führung, keine Weitsicht, keine professionelle Kommunikation, kein Maß. Stattdessen hat sich die Kanzlerin hauptsächlich auf die Hilfsbereitschaft ihres Volkes verlassen – und es mit den einher gehenden Herausforderungen weitgehend allein gelassen. Auch das muss man – ungeachtet der großen Motivation und des große Einsatzes aus der Bevölkerung – feststellen dürfen.

Insofern hoffe ich, dass höchst ehrenwerte Frau Klüger auch dann noch ein Einsehen mit uns Deutschen haben wird, wenn sich herausstellt, dass wir uns hoffnungslos übernommen haben. Die gute Absicht bleibt – und doch ist oft das Gegenteil von gut = „gut gemeint“.

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