Herzlichen Glückwunsch, Israel! #ISR70

Heute vor 70 Jahren wurde der Staat Israel ausgerufen. Bereits am Tag darauf befand sich das Land im Krieg. Das moderne Israel konnte sich nie ausruhen. Von seinem Selbsbehauptungswillen können wir viel lernen.

Die Weltgeschichte kennt viele Beispiele, wie Kulturen, die ihr Land und ihren Rückhalt verloren, binnen weniger Generationen verschwanden. Nicht so die jüdische. Als Aufstände gegen die Römer in den Jahren 70 bzw. 135 nach Beginn unserer Zeitrechung scheiterten, wurde das jüdische Volk von den Besatzern aus seiner Heimat vertrieben – in verschiedene Himmelsrichtungen. Als Angehörige einer jeweiligen Minderheit schafften es die Juden, in über mehr als 1800 Jahren – in teils sehr verschiedenen Umgebungen – die eigene Kultur zu bewahren.

Die Umstände und Regeln der Aufnahmeländer drängten die Juden oft in rechtliche, gesellschaftliche und wirtschaftliche Außenseiterrollen. Das Zinsleihverbot bei frühen Christen und Muslimen trieb einige von ihnen ins Bankgeschäft. Berufsverbote zwangen die Juden, in den verbliebenen Erwerbszweigen besser zu sein als der Durchschnitt, um sich behaupten zu können. Begrenzte Niederlassungserlaubnisse zwangen oft die letztgeborenen Kinder zur Auswanderung. Die daraus resultierenden überregionalen und internationalen Verbindungen wurden zum Vorteil beim Aufbau von Handelsnetzen. Manchmal war es für Angehörige jüdischer Gemeinden geboten, sich in ihrer Parallelwelt weitgehend abzuschotten. An anderen Orten und zu anderen Zeiten öffneten sie sich mehr gegenüber der Gepflogenheiten des Landes, in dem sie lebten: Dort fand Integration statt. In manchen Fällen sogar Assimilation – wenn sich einzelne Juden und Familienangehörige taufen ließen.

Wo die Juden erfolgreicher und wohlhabender wurden als die angestammte Bevölkerung, zogen sie oft Neid auf sich und wurden nicht selten zu Opfern von Pogromen. Besonders auffällig war dies bei der großen Pestwelle um 1350 herum, die – so schätzt man – ein Drittel der Menschheit zwischen Indien und Island ausgerottet haben soll. Die jüdische Bevölkerung jedoch war, aufgrund ihrer religiösen Hygienevorschriften und ihrem koscheren Essen, in sehr viel geringerem Maße von der Seuche betroffen. Die “Rache” der Überlebenden war bitter. Viele Juden aus Deutschland und anderen Teilen Europas zogen ostwärts und ließen sich in Polen nieder – wo sie bis zum Zweiten Weltkrieg ihren Siedlungsschwerpunkt bildeten. Da die Juden vielerorts stärker unter Druck standen als die “Stammbevölkerung”, trieb der Wille zur Selbstbehauptung sie oft zu Höchstleistungen an. Die restriktiven Regeln der Handwerkszünfte und spätere Studienplatzbeschränkungen drängte überproportional viele Juden in die Medizin, die Wissenschaft und kulturelle Berufe: Es mag zum Teil erklären, warum später überproportional viele Juden Nobelpreise gewannen.

Foto: ap

„I’m not your toy!“ Netta gewinnt den Eurovision Song Contest 2018 für Israel (Foto: ap)

Der Druck auf die jüdische Bevölkerung war aber immer auch eine Sicherheitsfrage. Die Bindung an die Urheimat in Palästina mit Jerusalem als Zentrum wurde in den Synagogen stets gepflegt – obwohl längst arabische Muslime über den Ruinen des alten jüdischen Tempels einen ihrer repräsentativsten religiösen Prachtbauten errichtet hatten. Als der ungarisch-österreichische Schriftsteller Theodor Herzl (1860-1904) unter dem Eindruck der Verfolgungswelle in Frankreich im Zuge der “Dreyfus-Affäre” 1896 sein Buch “Der Judenstaat” veröffentlichte, löste dies eine Siedlungswelle europäischer Juden nach Palästina aus. Ein beträchtlicher Teil der relativ wenigen Araber, die damals dort lebten, boten Grundstücke in verwüsteten, verlassenen und verwahrlosten Gegenden an. Je mehr jüdische Organisationen sich zusammentaten um dort nach Siedlungsmöglichkeiten zu suchen, desto höher stiegen die Bodenpreise. Der Neuanfang für ankommende Juden war hart, die Erschließung und Bewässerung unfruchtbarer Felder sowie der Aufbau neuer Städte Herausforderungen, die nur Schulter an Schulter zu bewältigen waren. Der Kibbuz wurde ein Modell für das solidarische Zusammenleben in einer Gemeinschaft, die etwas Neues aufbaut. In den ersten Jahrzehnten der Nachbarschaft gab es kaum Reibereien mit den Arabern in Palästina.

Die große Katastrophe des Holocaust, der Shoah, machte den Aufbau einer Heimstätte für das jüdische Volk fast zwangsläufig zu einer Notwendigkeit. Die jüdische Einwanderung von Überlebenden des wohl schlimmsten Völkermords der Geschichte war trotz vorübergehendem Widerstand der britischen Mandatsmacht nicht zu stoppen. Bald gab es deutlich mehr Juden als Araber im Gebiet des heutigen Kern-Israel. Eine These im Zusammenhang mit der Gründung des Staates Israel ist: Die Juden hätten die palästinensischen Araber verdrängt und zu Flüchtlingen gemacht. Das ist – gelinde gesagt – eine starke Vereinfachung der Geschichte – auch wenn ich mir hier als weit entfernt lebender Europäer kein vollständiges Urteil anmaßen mag. Einerseits: Die Juden kamen nicht in ein völlig leeres Land. Andererseits: Der neue Staat machte den Araber auf dem neuen Territorium das Angebot gleichberechtigte Staatsbürger zu werden. Ein Teil von ihnen nahm die Offerte an – und lebt heute in dem freiesten und demokratischstem Land der Region; der andere Teil stellte sich gegen den neuen Staat und konnte nach mehreren militärischen Niederlagen nicht bleiben. Der Konflikt verhärtete sich und führte zu mehreren Kriegen.

Die Tragödie der palästinensischen Araber verschärfte sich dadurch, dass sich leider viel zu viele von ihnen sich dem Terrorismus verschrieben. Seine destruktive Kraft fiel und fällt noch immer hauptsächlich auf die eigene Volksgruppe zurück. Einem großen Teil der arabischen Bevölkerung im Gaza-Streifen oder den Autonomiegebieten westlich des Jordan-Flusses könnte es viel besser gehen, wenn sie – unabhängig davon, inwieweit sie sich zu Recht oder zu Unrecht gegenüber den Israelis benachteiligt fühlen – Hass und blinde Gewaltbereitschaft in den eigenen Reihen konsequent bekämpfen würden, anstatt ihn zu fördern. Israel hat teilweise Nachbarn, die man seinem bittersten Feind nicht gönnt.

Sein Kerngebiet ist gerade so groß wie Hessen und an der schmalsten Stelle nur wenige Kilometer breit. Israel kann sich nicht eine einzige militärische Niederlage leisten, ohne um seine Existenz fürchten zu müssen. Daher hat es gelernt, sich zu wehren – und manchmal mitlitärisch hart agieren zu müssen. Die sehr heterogene Gesellschaft – mit jüdischen Einwanderern aus aller Herren Länder und Kulturkreisen – wächst durch den Dienst in den Streitkräften (den auch junge Frauen leisten müssen) zusammen. Nicht zuletzt wegen der andauernden, latenten Kriegs- und Terrorgefahr haben die Israelis eine beständige Achtsamkeit entwickelt, die einerseits bitter notwendig sein mag. Anderseits könnte man fast sagen: Es ist eine Achtsamkeit, um die sie auch manch langjähriger buddhistischer Meditierende beneiden dürfte. Einer meiner buddhistischen Freunde in Israel drückte seinen Patriotismus einmal so aus: Israel ist das einzige Land auf der Welt, das auf der Landkarte aussieht wie ein “Purba” (Donnerkeil): ein Symbol aus dem tibetisch-tantrischen Buddhismus, das für starke Schutzkraft und Unzerstörbarkeit steht.

Die Israelis, ja: auch die meisten Juden in der langen Geschichte der Diaspora, hatten nie die Wahl, ob sie möglichen Konflikten und ihren Auswirkungen aus dem Weg gehen können oder nicht. Die große Staatsfrau und damalige Ministerpräsidentin Golda Meir (1898-1978) verriet einst das “Geheimrezept”, wie das tapfere Volk es schaffe, sich gegen so viele verfeindete Nachbarn zu wehren: “We Jews have a secret weapon in our struggle with the Arabs – We have no place to go.” (“Wir Juden besitzen eine geheime Waffe im Kampf mit den Arabern – wir haben keinen anderen Ort, an den wir gehen könnten.”)

Heute, am 70. Jahrestag der Staatsgründung nach westlichem Kalender, gibt es Streit um die Verlegung der US-amerikanischen Botschaft nach Jerusalem, in den unbestritten israelischen Westteil der Hauptstadt des jüdischen Volkes. Der Iran bedroht das Land von seinen Militärstützpunkten aus, die es im benachbarten Syrien während des dortigen Krieges aufgebaut hat. Im Gaza-Streifen bläst die dortige Hamas-Terrorregierung unter Rauchschwaden zum blinden Sturm auf die israelische Grenze und nimmt billigend Tote unter den eigenen Volksangehörigen in Kauf. Europäische Regierungen bekunden zwar weiterhin ihre Solidarität mit Israel, verbinden sie jedoch mit immer häufiger mit einem “aber” im Nebensatz: Ein Indiz für die zunehmende Konfliktscheu der wohlstands- und demokratieverwöhnten Europäer im 21. Jahrhundert. Dabei ist es in der heutigen Zeit immer offensichtlicher, dass wir von Israels Erfahrungen – auch auf dem Gebiet der Auseinandersetzung mit dem Terrorismus – sehr profitieren können. Natürlich mahnt uns – gerade als Deutsche – die Geschichte zu einem respektvollen Umgang mit Israel. Aber dieser sollte nicht auf Schuldgefühlen basieren, sondern auf Freundschaft. Man soll das jüdische Volk nicht so sehr aus der Perspektive “historische Opfer” betrachten, sondern darf sie durchaus auch als moderne Helden wahrnehmen.

Für mich ist Israel vor allem der Vorposten westlicher, aufgeklärter und demokratischer Werte in einem schwierigen Umfeld. Von seinem Selbstbehauptungswillen können wir Europäer lernen, dass die Errungenschaften, für die frühere Generationen so viel gelitten und gekämpft haben, stets aufs Neue verteidigt und aufmerksam bewahrt werden müssen. Das heutige Israel feiert sowohl wissenschaftliche Erfolge als auch bunte Gay-Paraden. Mit seinem schrillen Sieg beim Eurovision Song Contest hat es sich, pünktlich zum Jahrestag der Staatsgründung, ein passendes Geschenk gemacht. Herzlichen Glückwunsch, Israel!

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ein Kommentar

  1. Klasse! Danke!
    „… sich einzelne Juden und Familienangehörige taufen ließen.“ Kleine Anmerkung dazu: Das schützte jedoch nicht vor Verfolgung und Ermordung während des Holocausts.

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