Todesflug MH17, die Medien und der Volkszorn. Eine Antwort.

Auf seiner Sitzung am 9. September hat der Deutsche Presserat den ‚Spiegel‘ und andere Medien getadelt: Sie hätten unbefugt Fotos von Verstorbenen des Todesfluges MH17 abgedruckt und damit den Opferschutz verletzt. Ein anonymer Blogger kommentiert dies auf seine Weise: Er stellt eine Auswahl längerer Ausschnitte kritischer Artikeln aus dem Internet zusammen und versieht sie mit der Überschrift „STOPPT die westliche MEDIEN-DIKTATUR JETZT! – Deutsche Mainstram-Journalisten als gewissenlose Komplizen der ukrainischen Mörder„. Da auch ein Artikel von mir dabei ist, der eigentlich anders gemeint war, antwortete ich ihm. Hier meine Reaktion:
MH17, die Bombe auf der Tarot Karte

Makabres Detail aus den Trümmern von Flug MH17 – aufgenommen von Jeroen Akkermans am 20.7.2014 nahe Hrabove/Ost-Ukraine (CreativeCommons licence – URL: https://www.flickr.com/photos/jeroenakkermans/14515419567/in/set-72157645790319631)

„Danke für das Interesse an dem Kommentar “Plakatieren mit den Toten von Flug MH17 – ‘Der Spiegel’ auf Ramschniveau”. Wer meinen Artikel genau und unbefangen liest, wird merken, dass ich mich gerade NICHT an dem Wälzen von Spekulationen um die Schuld für den mutmaßlichen Abschuss des Fluges MH17 beteiligen möchte. Es geht mir um die rechtliche und ethische Seite der Berichterstattung seitens des ‚Spiegel‘ und anderer deutscher Medien: die Verletzung der Persönlichkeitsrechte der Verstorbenen und ihre Instrumentalisierung für politische Zwecke. Was Ihren Artikel anbelangt muss ich feststellen, dass die (ausgesprochen tendenziöse) Überschrift gar nicht zu dessen Inhalt passt. Sie stellen eine – sehr interessante – Sammlung von Zitaten verschiedener Medien und Blogs zu verschiedenen Aspekten der MH17-Tragödie und der Berichterstattung zusammen. Doch es fehlen Interpretationsansätze und vor allem, wie Sie auf die – in meinen Augen sehr gewagten – Thesen der ukrainischen Alleinschuld für den Absturz und die unterstellte Komplizenschaft deutscher Medien bei der mutmaßlichen Vertuschung von Hintergründen kommen. Die drastische Überschrift schreit nach starken Belegen. Da Sie diese weitgehend schuldig bleiben, muss ich Ihnen vorhalten, dass Sie es hier leider nicht besser machen als ‘Spiegel’ & Co.: Mit Schuldzuweisungen Stimmung machen, aber nicht liefern, was der Titel verspricht.

Zudem sind die Zitate jeweils so lang, dass man nach deutschem Urheberrecht eigentlich die Genehmigung des jeweiligen Autoren braucht um sie so (weiter)veröffentlichen zu dürfen. Erlaubt sind jeweils ca. drei bis vier Sätze sowie eigene, den Inhalt widerspiegelnde Zusammenfassungen. Die Links indes sind korrekt gesetzt. Hinweise zu Ihrer Autorenschaft (zum Beispiel ein Impressum) fehlen.

Trotz des Schocks um MH17: sorgfältige Berichterstattung in den Niederlanden

Als gebürtiger Niederländer, der sowohl Russland als auch die Ukraine von verschiedenen Reisen kennt, verfolge ich gebannt die Geschehnisse im Donbass und insbesondere den Fall MH17. Die deutsche Presse berichtet insgesamt eher oberflächlich und wird dabei meines Erachtens den Qualitätsstandards früherer Jahre längst nicht immer gerecht: Es gab ja – soviel Zynismus sei erlaubt – auch “nur” vier deutsche Opfer. In den Niederlanden dagegen bleibt die öffentliche Aufmerksamkeit sehr groß – zumindest, solange der Fall nicht aufgeklärt ist. Die dortigen Medien bleiben hartnäckig dran, halten sich dabei in den meisten Fällen an hohe journalistische Standards und sind insgesamt vorsichtig mit ihren Schlussfolgerungen. Nach einigen emotionalen Aufs und Abs in den ersten Tagen nach der Katastrophe werden inzwischen der Einsatz der ostukrainischen Helfer und die Anteilnahme der Bevölkerung am Unglücksort Hrabove ausdrücklich gewürdigt. Das ist keine Selbstverständlichkeit angesichts von fast 200 Toten aus praktisch allen Teilen der Niederlande.

Blumen  an der Niederländischen Botschaft Moskau, 19.07.2014

Anteilnahme jenseits von Politik: Blumen an der Niederländischen Botschaft in Moskau am Tage nach dem Absturz von MH17. Foto: Dhārmikatva (CreativeCommons licence – URL: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Embassy_of_Netherlands_in_Moscow_-_1.JPG)

Aufklärung ist das, was die Niederländer vor allem erwarten. Es herrscht Unverständnis darüber, dass eine Expertenkommission seit Wochen in Charkiv ausharrt und auf das OK wartet die Absturzstelle endlich untersuchen zu dürfen, während gleichzeitig Journalisten wie Olaf Koens, Jeroen Akkermans oder Joost Bosman in den letzen Wochen wiederholt vor Ort waren und dort ungestört arbeiten konnten.

Die Niederländer wollen:
Fakten statt Verschwörungstheorien

Die Schuldfrage – wie sehen es die Niederländer? Es gibt Vorwürfe gegen die Ukraine, da sie den Luftraum über dem Kampfgebiet nicht gesperrt hatten. Vladimir Putin trägt – so die öffentliche Meinung – eine erhebliche politische Schuld an dem mutmaßlichen Abschuss: Er habe mit der russischen Einverleibung der Krim und seinem Eingreifen zugunsten der “Separatisten” in der Ostukraine maßgeblich zur militärischen Eskalation beigetragen, ohne die das Unglück nicht möglich gewesen wäre. Obwohl sich Rebellen wie Strelkov/Girkin und andere in den Stunden nach dem Absturz der MH17 mit ihren Äußerungen in sozialen Netzwerken durchaus verdächtig verhalten haben, legten sich Politiker und Journalisten bislang nicht fest, wer unmittelbar für den Tod von 298 Menschen verantwortlich gewesen sei. Die Niederländer wollen Fakten. Doch wegen des Krieges in der Ost-Ukraine werden sowohl die Beteiligten als auch die Beobachter (Ukraine, Separatisten, Russland, USA) ihre Karten vorerst nicht auf den Tisch legen wollen: Es würde Militär und die Geheimdienste schwächen. Das frustriert – aber die Niederlande als kleines Land sind hier ziemlich machtlos.

Sie wollen ein längeres Zitat aus meinem Blog-Artikel verwenden. Dazu teile ich Ihnen mit: Ich bin NICHT damit einverstanden, dass mein Kommentar mit der von Ihnen gewählten Überschrift verknüpft wird – der Zusammenhang würde verfälscht. Mir ist insbesondere nicht klar, wer die deutschen Medien “diktiert”, womit die behauptete Täterschaft von Ukrainern beim mutmaßlichen Abschuss der MH17 begründet wird und warum Journalisten prominenter deutsche Medien unter den pauschal geäußerten Verdacht gestellt werden, sie handelten als “Komplizen” (von wem?) und “gewissenlos” (m. E. sind eher Oberflächlichkeit und Bequemlichkeit das Problem).
Wenn Sie dies nicht ändern, muss ich darauf bestehen, dass mein Textbeitrag entfernt wird – ich möchte ungern rechtlich dagegen vorgehen müssen. Daher lege ich Ihnen nahe, die Überschrift zu ändern. Wenn Sie dort etwa unbequeme, aber offene Fragen aufwerfen statt gewagte Feststellungen zu machen, wenn Sie statt der Schuldfrage den laxen journalistischen Umgang mit der Menschenwürde von Opfern von MH17 thematisieren, wäre ich wahrscheinlich mit einer Verwendung der von Ihnen verwandten Textpassagen einverstanden.

Leichenwagen, MH17, Niederlande, Autobahn, Nationaler Trauertag

Kolonne von Leichenwagen mit Opfern von Flug MH-17 auf einer Niederländischen Autobahn, 24.07.2014 – Foto: Niederländisches Verteidigunsministerium (CreativeCommons licence – URL: http://www.defensie.nl/onderwerpen/oekraine-repatrieringsmissie/inhoud/fotos)

Die Toten von Flug MH17 eignen sich nicht für Propaganda

Die Opfer des unsinnigen Krieges zweier Brudervölker im Donbass – auf sie sollte mehr geschaut werden: Tausende tote junge Männer auf ukrainischer und russischer Seite, die vielen Familien, die hinter ihnen stehen, die Zivilisten vor Ort – und die völlig unschuldigen Ausländer in der Boing 777 des Fluges MH17: Ist es das bisschen Mehr oder Weniger an Autonomie der Regionen Donezk und Lugansk wert, um das gerade erbittert gefochten wird? Definitiv: Nein. Eigentlich sind Russland und der Westen sehr aufeinander angewiesen: bei der internationalen Terrorismusbekämpfung, bei der Energieversorgung, bei der wirtschaftlichen Entwicklung, bei der internationalen Diplomatie. Eine befriedete Ukraine, die endlich die Korruption in den Griff bekäme, könnte DER Brückenstaat für eine engere, internationale Zusammenarbeit werden und die Entwicklung der Ost-West-Partnerschaft beflügeln. Das momentante Blutvergießen macht dies auf längere Zeit unmöglich.

Mein Wunsch ist es, dass in fünf Jahren am Absturzort der MH17 bei Hrabove ein internationales Denkmal stehen möge – mit Inschriften auf Niederländsich, Ukrainisch, Russisch, Malaiisch und in anderen Sprachen. Nicht als Anklage, sondern als Mahnung und als Aufruf, wieder zueinander zu finden. Möge das sinnlose Töten in der Ostukraine bald aufhören!

© Michael den Hoet

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