Terror in Russland: Der Zynismus westlicher Kreml-Astrologen

Die Terroranschläge von Wolgograd werfen viele Fragen auf. Kommentare in den Medien machen deutlich: Spekulieren und auf Putin schimpfen kann jeder. Ausgewiesene Experten setzen durch unsensible Bemerkungen ihren Ruf aufs Spiel. Fundierte Analysen sind rar.

3. September 2004: Islamistische Terroristen – Kaukasier und Ausländer – hatten wenige Stunden zuvor ein Blutbad anrichtet. Nach dreitägiger Geiselnahme in der Schule von Beslan war es zu Explosionen und Schießereien mit russischen Spezialeinheiten gekommen. Es starben über ein Drittel der 1100 Geiseln. Die meisten von ihnen waren Kinder.

Der abendliche „Bericht aus Berlin“ hatte an diesem Freitag keine leichte Aufgabe zu bewältigen. Das Redaktionsteam patzte furchtbar. Moderator Thomas Roth interviewte im abendlichen TV-Nachrichtenmagazin Joschka Fischer. Er fiel dem damaligen Bundesaußenminister zwei Mal ins Wort, als der die menschliche Dimension dieses Terrorverbrechens deutlich machen wollte. Richtig zynisch wurde Tina Hassel in ihrem anschließenden Kommentar: Ohne auch nur eine Andeutung menschlicher Anteilnahme, nahm sie die Gelegenheit wahr, grinsend über Präsident Putin und seine vermeintlich gescheiterte Kaukasus-Politk herzuziehen. Zitat:

„Ausgerechnet der Mann, der vor fünf Jahren angetreten ist, für Sicherheit zu sorgen, hat das Tor zur kaukasischen Hölle erst wirklich aufgestoßen. Getürkte Wahlen, andauernde Willkür korrupter Sicherheitskräfte, Folter und Vergewaltigung – all das hat den tschetschenischen Widerstand erst richtig radikalisiert und internationalisiert. Vladimir Putin – ein Präsident, der nur eine Sprache kennt, die der Vernichtung. Dass heute seine eigenen Landsleute beim Sturm auf die Schule „vernichtet“ wurden, wird ihn wohl kaum zum Umdenken bewegen.“
[URL: http://www.tagesschau.de/sendungen/0,1196,SPM830_OIT3579642,00.html – besucht am 4.9.2004, inzwischen nicht mehr online]

Zu dem Menschen verachtenden Handeln der 33 Terroristen räumte sie lediglich ein, sie hätten mit dem Tatort Schule „eine Schwelle überschritten“. In einem Wutbrief, den ich noch in der gleichen Nacht an ihren Sender schrieb, fragte ich: „Geht es noch verniedlichender?“ Ich versuchte daran zu erinnern, dass es die Terroristen waren, die die Gewaltspirale in Russland immer wieder hochgetrieben hatten – allen Fehlern der russischen Politik zum Trotz.

Auch in den Tagen der jüngsten Terrorverbrechen von Wolgograd betonten Kommentatoren in deutschen Medien auffällig oft ihre Abneigung gegen den russischen Präsidenten. Über den ungeliebten Putin schimpfen: Das kann jeder. Anspruchsvoller Journalismus sieht anders aus. Fundierte Analysen über die Dimensionen des Terrorismus in Russland sind rar; viele Aspekte bleiben ausgeblendet. Der eigentlich als Terrorismus-Experte renommierte  Rolf Tophoven leistete sich am Nachmittag des 29.12. im Focus eine Entgleisung der besonderen Art. Als man noch von einer Kaukasierin als Urheber der Explosion im Wolgograder Bahnhof ausging äußerte er, inmitten von seltsamen Thesen:  „Allerdings ist der Attentäterin ein perfektes terroristisches, mediales und psychologisches Gesamtpaket gelungen.“ Was soll dieser Zynismus?

Heute weiß man: Ein fanatisierter, russischer Islam-Konvertit zündete die Bombe.* Es geht also längst nicht mehr um Tschetschenien, sondern um die Sorte international venetzten Terrors, der in den letzten Jahren vielerorts zu sinnlosem Leid geführt hat – und uns alle angehen sollte.

Am 30. Dezember gibt ARD-Korrespondent Hermann Krause im Hörfunk eine Einschätzung der Lage. Er erwähnt die jüngsten Amnestien auf geheiß Wladimir Putins und stellt den Terror im Kaukasus sowie die verblendete Realitätsferne des Terrorpaten Doku Umarov heraus. Für die Behauptungen, „nach wie vor“ würden von russische Sicherheitskräften „ganze Familien werden in Sippenhaft genommen, gefoltert oder ausradiert„, nennt der Kommentator keine Belege. (Ich konnte solche im Online-Angeobt der ARD aus den letzten Jahren nicht finden.) Mit dem Resümee „Der Terror ist in Russland hausgemacht und eine Folge zweier Kriege im eigenen Land“ macht Krause es sich zu einfach. Diese These wurde auch von der großen Mehrheit der Leser-Kommentatoren auf tagesschau.de entrüstet zurückgewiesen.

Es gibt Berichte, denen zufolge Saudi-Arabien mit kaukasischen Terrorgruppen verbandelt seien – ideologisch und finanziell. Der saudische Prinz Bandar bin Sultan soll vor Monaten im Namen seiner Regierung Russland wirtschaftliche und politische Vorteile angeboten haben, wenn Moskau Syriens Machthaber Assad die Unterstützung entzöge: Die Kontrolle über den europäischen Ölhandel, lukrative Waffengeschäfte und – die Verhinderung islamistischen Terrors im Zusammenhang mit der Winter-Olympiade von Sotschi. „Die tschetschenischen Gruppen, die die Sicherheit der Spiele bedrohen, haben wir unter Kontrolle“, soll der Generalsekretär des Nationalen Sicherheitsrates von Saudi-Arabien bei einem Treffen am 2. August letzten Jahres in Moskau zu Präsident Putin gesagt haben.

Was ist dran an der Kaukasus-Saudiarabien-Connection? Dies ist derzeit ein großes Thema in Russland. Die deutschen Medien blenden es aus. Eine Ausnahme – zumindest ansatzweise – ist ein lesenswertes Interview mit dem Russland-Experten Eberhard Schneider mit der Deutschen Welle. Er weist darauf hin, dass nach dem Zerfall der Sowjetunion Saudi-Arabien Imame in die islamisch beeinflussten Gebiete Russlands und Zentralasiens schickte. Sie sollten die Muslime in der ehemaligen UdSSR mit ihren religiösen Wurzeln verbinden. Die Geistlichen lehrten den Wahhabismus: Eine fundamentalistische, rigide und kämpferische Interpretation des sunnitischen Islam. Die Koran-Auslegung, dass die Gläubigen den Heiligen Krieg durchführen müssen, habe den Terrorismus in Russland genährt.

Völlig ignoriert wurden in unserer Presse die Sorgen, welche Auswirkungen der Terror in Russland auf Mitteleuropa haben könnte. Die Anschläge vom 11. September 2001 wurden auch in Deutschland vorbereitet. Geplante Attentate bei uns – Stichworte „Kofferbomber von Köln“ und „Sauerlandgruppe“ – wurden im Vorfeld verhindert. Tausende Asylbewerber und Flüchtlinge aus Tschetschenien leben in der Bundesrepublik. Wieviele Anhänger des kaukasischen Terrorpaten Umarov sind unter ihnen?

Solange Journalisten bzw. Medien-Terrorexperten diesen Fragen ausweichen, würde es unsere Sinne bereits schärfen, wenn man dem Zuschauer/Leser die direkte, menschliche Dimension des Terrors von Wolgograd nahe brächte. Etwa die Geschichte von Baby Vika, die auf der Intensivstation um ihr Leben kämpft und deren Mutter im Oberleitungsbus starb. Die des verstorbenen Sicherheitsbeamten, der sich im Bahnhof vor den Attentäter stellte und offenbar noch Schlimmeres verhinderte. Oder des Gepäckträgers, der wenige Meter entfernt ein 9jähriges Mädchen aus der Rauchwolke geholt und dafür gesorgt hatte, dass sie schnell ins Krankenhaus kommt.

Das berührt nicht nur, sondern macht deutlich, dass die Wolgograder – Putin hin oder her – unsere Solidarität verdienen. Russland ist immer noch ein europäisches Land und die dortigen Terroranschläge der letzten Jahre viel näher, als den meisten von uns bewusst ist.

„Wenn ich dieser Tage durch Wolgograd gehe, das Leid erinnere und auch heute an Weihnachten** noch die Angst unschuldiger Menschen sehe, dann bin ich nur froh, dass man hier kein Deutsches Fernsehen empfangen kann“, schreibt ein derzeit in Wolgograd lebender Berliner in einem Leserartikel für ‚der Freitag Online‘. „Meine unguten Gefühle als Deutscher im ehemaligen Stalingrad haben mir die Menschen hier mit ihrer Herzlichkeit längst genommen. Doch wer nimmt mir die Scham über die kalten, herzlosen Deutschen Anti-Russland-Berichte, deren Arroganz und Besserwisserei nicht einmal vor dem Leid Dutzender toter Kinder, Frauen, Zivilisten halt macht, es im Gegenteil ausnutzt, um abermals gegen „Putins Spiele“, über mangelnde Sicherheit zu wettern oder angeblich repressive Sicherheitsmaßnahmen im Nachgang zu den beiden Bombenattentaten zu beklagen?“

Anmerkungen:
* Nachtrag: In den Tagen nach den Terrorangriffen wurde offiziell ein Russe aus der Mari-El-Republik als derjenige genannt, der die erste Bombe zündete. Erst ca. fünf Wochen nach den Anschlägen von Wolgograd wurden die Namen der beiden Attentäter bekannt gegeben. Sie stammen aus Dagestan und hinterließen ein Bekennervideo, das Hinweise auf eine Unterstützung aus dem arabischen Raum liefern soll.

** Weihnachten wird in Russland traditionellerweise am 7. Januar (entspricht im Julianischen Kalender dem 25. Dezember) gefeiert.

© Michael den Hoet

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