Tibets Schatten über Olympia 2008

[Dieser Artikel erschien 2008 in litauischer Übersetzung in der Zeitschrift Budizmas.lt] © Michael den Hoet

Die Tibet-Frage belastet das Prestigeereignis– Anmerkungen und Hintergründe zu einem alten Konflikt

OLYMPIA – Es hätte eine so schöne Zeremonie werden können: Griechische Nymphen, dargestellt von anmutenden Schauspielerinnen, entzünden am Ostermontag in sorgfältig eingeübter Choreographie mit Hilfe eines Solarspiegels das traditionelle Olympische Feuer. Bei strahlendem Wetter verfolgen Live-Fernsehen, Ehrengäste und Journalisten das Ereignis vor historischer Kulisse. Doch als der Chef des chinesischen Olympia-Organisationskomitees Liu Qi eine Rede vorträgt, wird die Feierlichkeit jäh gestört. Ein Demonstrant springt ins Bild. Er hält eine geschwärzte olympische Flagge hoch, auf denen statt der fünf bunten Ringe Handschellen abgebildet sind. Sicherheitsleute drängen den Mann gewaltsam ab. Am Rande des abgesperrten Bereichs um das antike Olympia wird ebenfalls protestiert: Gegen die Vergabe der olympischen Spiele an Peking, gegen schwere Menschenrechtsverletzungen in der Volksrepublik China, gegen die Unterdrückung der Tibeter auf dem Dach der Welt durch die chinesische Herrschaft.

Auch die anschließende Tour der Fackel mit dem Olympischen Feuer um die Welt gerät zur Farce. Nachdem es in London und Paris zu wütenden Protesten von Exiltibetern und Menschenrechtsgruppen kommt und die Flamme in der französischen Hauptstadt sogar zwischenzeitlich erlischt, werden an anderen Orten der Reise die Routen geändert und drastisch gekürzt. In menschenleeren Straßen laufen Sportler – stets umgeben von einem Pulk ruppiger chinesischer Sicherheitsleute – teilweise nur wenige Dutzend Meter, bevor sie die Stafette mit dem berühmten Feuer an den jeweils nächsten Läufer weitergeben.

Wenn dieser Artikel erscheint, werden die Olympischen Spiele 2008 in Beijing / Peking bereits Vergangenheit sein. Ein gewichtiger Anlass für das weltweite Unbehagen über China aber dürfte bleiben: Die Lage im seit über einem halben Jahrhundert okkupierten Tibet.

Regelmäßig erinnern Exil-Tibeter am 10. März an den Jahrestag des gescheiterten Aufstands 1959. Auch in Tibet selbst kam es anlässlich dieses Datums immer wieder zu Demonstrationen. Dass wegen des symbolträchtigen Sportereignisses die Augen der Weltöffentlichkeit in diesem Jahr stärker auf die Volksrepublik China gerichtet sind als sonst, sprach sich auch auf dem Dach der Welt herum. In vielen Städten mit tibetischer Bevölkerung entlud sich ab der zweiten Märzwoche die Frustration über die fortwährende Dominanz durch Chinesen in Demonstrationen und Krawallen – den schwersten seit 1989. Von Chinesen geführte Läden sowie Verwaltungseinrichtungen wurden mit Stöcken und Steinen angegriffen, Menschen starben.

Die Chinesische Führung reagierte zunächst überrascht, verlegte in hoher Zahl Militär in die Unruhegebiete, wies die ausländischen Journalisten aus Tibet aus – und schlug hart zurück. Trotz Nachrichten- und Internetzensur drangen Berichte über Massenverhaftungen von Tibetern an die Außenwelt. Die Wiederherstellung der „Ordnung“ soll laut Angaben der tibetischen Exilregierung im indischen Dharamsala weit mehr als 140 Menschenleben gefordert haben – hauptsächlich Tibeter. Chinesische Stellen dagegen meldeten ca. 20 Tote seit dem Ausbruch der Unruhen – hauptsächlich Chinesen. Bereits wenige Wochen nach den Unruhen waren die ersten Teilnehmer des Aufstands zu hohen, teilweise lebenslänglichen Haftstrafen verurteilt. In westlichen Medien war das Thema Tibet so präsent wie kaum zuvor. Das offizielle China wiederum reagierte beleidigt auf deren Berichterstattung, hatte man sich doch von einem glanzvollen Olympia-Sportfest viel Prestige erwartet.

Viele halten die internationale Blamage der Volksrepublik für hoch verdient. Doch trotz weltweiter Solidarität mit dem Dalai Lama bleibt das „Tibet-Problem“ bestehen: Tibeter fühlen sich seit Jahrzehnten als Bürger Zweiter Klasse in ihrem eigenen Land drangsaliert; Peking beharrt dagegen auf dem Standpunkt, dass Tibet zu China gehöre und reagiert mit harschem Unverständnis auf Kritik an seiner Tibet-Politik. Buddhisten weltweit schmerzt der Konflikt zwischen zwei Völkern, die jeweils großartige buddhistische Kulturgeschichte schrieben. Wie könnte irgendwann eine mögliche Lösung aussehen, mit der alle – Tibeter, Chinesen, die internationale Weltgemeinschaft – gut leben könnten? Dazu macht es Sinn einen Blick auf den Hintergrund des Konflikts um Tibet sowie seine historischen Wurzeln zu werfen.

Der Nachbar China in Tibets Geschichte

Tibet galt bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts als eines der letzten Geheimnisse dieses Planeten. Seine isolierte Lage auf der Hochebene hinter dem Himalaja bewahrte eine eigentümliche Kultur mit Überlieferungen der buddhistischen Lehre, die anderswo nicht mehr anzutreffen waren. Auch die politischen Verhältnisse blieben der Welt lange verborgen. Zwei Karawanenwege, die im Winter meist unpassierbar waren, führten nach China. Trotz gelegentlicher Einflussnahme durch den Nachbarn bestimmten die Tibeter ihre Geschicke meist weitgehend selber. Ein prominenter buddhistischer Lehrer, der Dalai Lama, galt seit dem 17. Jahrhundert als eine Art König von Tibet. Seine Erbfolge wurde traditionell dadurch bestimmt, dass man sich nach dem Tode eines Dalai Lama nach einem bestimmten Schema auf die Suche nach dem Kind machte, das Anzeichen aufwies dessen Wiedergeburt (tib. Tulku) zu sein. (Die Suche nach Wiedergeburten spiritueller Meister, die an die Aktivität ihrer Vorgänger anknüpfen sollen, ist in allen vier voneinander unabhängigen Traditionen des Tibetischen Buddhismus verbreitet.)

Einst, im 8. Jahrhundert, hatten tibetische Truppen weite Teile von China besetzt. Häufig wiederkehrende Gefechte werden im Jahre 821 mit einem Friedensabkommen beigelegt. Drei Säulen mit dem Text dieses Vertrages werden in den Hauptstädten Tibets und Chinas sowie an der Grenze beider Länder aufgestellt. Dort ist unter anderem zu lesen: „Die Tibeter werden glücklich sein in Tibet, und die Chinesen werden glücklich sein in China“. In den nächsten Jahrhunderten gibt es zwischen beiden Ländern keine nennenswerten Konflikte.

In dieser Zeit blüht die buddhistische Lehre in Tibet auf. Es bilden sich verschiedene Schulen, die auf unterschiedliche Überlieferungslinien des indischen Buddhismus zurückgehen. Aufgrund der Geographie mit vielen, über große Gebiete verteilte Siedlungszellen in schwer zugänglichen Tälern gibt es wenig Austausch der Landesteile untereinander. Bei gemeinsamer Sprache und Kultur etablieren sich viele lokale Machtzentren mit teilweise sehr einflussreichen Klöstern. Die Schulen der drei alten Linien Nyingma, Sakya und Kagyü existieren parallel, über das tibetische Hochland verteilt.

Im 14. / 15. Jahrhundert bildet sich die neue Reformlinie der Gelugpa. Sie macht den alten Schulen – insbesondere in Zentraltibet – Konkurrenz. Es kommt wiederholt zu erbitterten Kämpfen zwischen Angehörigen verschiedener Klöster und Linien. Der Streit eskaliert in den 1640er Jahren: Ein mongolischer Fürst, Gushri Khan, fällt mit einer Armee nach Tibet ein um dem 5. Dalai Lama beizustehen. Ein Bürgerkrieg führt zur Umwälzung der Machtverhältnisse: Die vormals kleine Richtung der Gelugpa wird zur stärksten Kraft in Tibet, die Nyingma- und Kagyü-Linien werden stark geschwächt und behalten nur wenige Klöster in Zentraltibet. In der Ostprovinz Kham ist die Macht der Zentralregierung geringer. Hier können sich Klöster der Nyingmas und Kagyüs in größerer Zahl halten. Im Westen wahrt Ladakh seine Eigenständigkeit; im südlichen Himalaja stehen tibetische Flüchtlinge älterer Schulen bei den Gründungen der neuen Staaten Sikkim und Bhutan Pate.

Tibetische Lamas der Gelugpa-Linie sind an den Höfen mongolischer Khane und chinesischer Kaiser vertreten und begründen eine „Priester-Patron-Beziehung“. Deren Interesse wiederum an Tibet bzw. den Anliegen der Gelugpas in Tibet führt wiederholt zur Einmischung. 1720 werden chinesische Truppen entsandt um die Mongolen endgültig aus Tibet zu vertreiben. In der tibetischen Hauptstadt Lhasa bleiben zwei chinesische Ambane zurück, hohe Beamte, welche die chinesischen Interessen während der nächsten 190 Jahre in Tibet vertreten sollten. Zeitweilig üben sie Macht aus, zu anderen Zeiten sind sie de facto nicht mehr als Botschafter Pekings. Während des 18. und 19. Jahrhunderts häufen sich die Intrigen in der tibetischen Politik. Mehrere Dalai Lamas sterben früh und unter mysteriösen Bedingungen. Trotz geistiger Hochkultur sind die Lebensverhältnisse in vielen Dingen mittelalterlich. Nomaden und Kleinbauern leisten den Klöstern Abgaben, Spenden und Arbeitsdienste.

Erst mit dem 13. Dalai Lama, Thubten Gyamtso (1876 – 1933) ändert sich die Lage. Nachdem es 1911 in China zum Umsturz kommt und die Herrschaft der Kaiser aus der Ming-Dynastie endet, erklärt er Tibet Anfang 1913 für unabhängig. Kämpfer des osttibetischen Khampa-Stammes schlagen einen Angriff eines chinesischen Heeres zurück und sind dabei in China einzudringen, als sie von der tibetischen Zentralregierung, die kein starkes Osttibet wünscht, zurückbeordert werden. In einer Konferenz im indischen Simla, die unter britischer Vermittlung zustande kommt, verzichtet die tibetische Zentralregierung zugunsten Chinas auf Rechte in den östlichen Provinzen Kham und Amdo und erkennt die Südgrenze zu Britisch-Indien an. Das Abkommen wird allerdings von China trotz Unterschrift seiner Delegierten nicht ratifiziert. Außer mit der Mongolei (die jedoch wenige Jahre später einem sowjetischen Putsch zum Opfer fallen sollte) schließt Tibet mit keinem anderen Staat der Welt Verträge über die Anerkennung seiner Unabhängigkeit.

Damit aus einem Volk eine Nation wird bedarf es eines Zusammengehörigkeitsgefühls und der Bereitschaft seiner Staatsmänner verantwortliche Entscheidungen für seine Zukunft zu fällen. Der 13. Dalai Lama versucht das Land in vielen Bereichen zu modernisieren. Doch hinter seinem Rücken blühen alte Intrigen und Seilschaften wieder auf und behindern die Reformen des klugen Staatslenkers. Kurz vor seinem Tod warnt er sein Volk: Tibet sei in großer Gefahr, wenn sich der Politikstil nicht gravierend ändert. Die Chance wird vertan – Tibet verliert seine Freiheit. Der kleine südliche Nachbar Bhutan macht es besser: Die Angehörigen ethnisch unterschiedlicher Stämme einen sich und wählen 1907 einen König. Dieser sichert die Unabhängigkeit des Landes ab, indem er ein Bündnis mit der Kolonialmacht Großbritannien eingeht, wobei man sich Befugnisse in Außenpolitik und Verteidigung mit dem Empire teilt. Nach dem Rückzug der Briten aus Südasien schließt Bhutan einen ähnlichen Pakt mit dem nun unabhängigen Indien.

China marschiert in Tibet ein

1949 übernehmen die Kommunisten unter Mao Zedong die Macht in China und vertreiben die bisher herrschende Kuomintang nach Taiwan. Alsbald kündigen sie an auch Tibet „befreien“ zu wollen. 1950 besetzt die „Volksbefreiungsarmee“ den Osten des Landes, im September 1951 marschiert sie in die Hauptstadt Lhasa ein. Der tibetischen Führung wird ein „Siebzehn-Punkte-Abkommen“ aufgezwungen, mit der die Herrschaft der Volksrepublik anerkannt wird. China stationiert Militär, legt Flugplätze sowie Straßen an und verstärkt in den nächsten Jahren seine antireligiöse Propaganda. Am 10. März 1959 bricht in Lhasa ein Aufstand aus, der blutig niedergeschlagen wird. Der damals 23jährige Dalai Lama sowie zahlreiche andere hohe Lamas fliehen nach Indien.

Das lange unbekannte Tibet rückt ins internationale Rampenlicht. In Zeiten des „Kalten Krieges“ in den Jahrzehnten nach 1945 zwischen dem demokratischen Westen und den Kommunistischen Staaten in Osteuropa und Asien steht Tibet für den Freiheitswillen eines friedlichen, vom Kommunismus unterdrückten Volkes. In den nächsten Jahrzehnten sollten infolge von Gewalt, Hunger, Seuchen, politischer Verfolgung, Folter und missglückter Flucht weit über eine Million Tibeter sterben. Die Unterjochung erreicht ihren Höhepunkt während der sog. „Kulturrevolution“ – eigentlich eine Kulturvernichtungsrevolution – der Jahre 1966 bis 1976. Sehr viele Zeugnisse früherer Hochkultur in Tibet (wie auch in China) werden zerstört. Tausende Klöster werden dem Erdboden gleichgemacht, zehntausende Mönche und Nonnen sterben.

1965 wird die so genannte „Autonome Region Tibet“ als Verwaltungseinheit geschaffen. Die östlichen Provinzen Amdo und Kham, in denen der größere Anteil der tibetischen Bevölkerung wohnt, werden zerschlagen und den Provinzen Qinghai, Gansu, Sichuan und Yünnan zugeordnet. Sondergehälter und Handelsprivilegien locken Millionen Chinesen auf das Dach der Welt und machen die Tibeter zur Minderheit im vormals eigenen Land. Rohstoffe sowie das Holz der ökologisch wichtigen Wälder werden ausgebeutet und fast vollständig nach China verfrachtet. Der wirtschaftliche Nutzen der geschaffenen Infrastruktur kommt den Chinesen weitaus mehr zugute, während Tibets Kultur uns Überleben kämpft. In den weiterführenden Schulen und Universitäten wird ausschließlich auf Chinesisch gelehrt; Tibetisch wird allenfalls noch in Grundschulen gesprochen.

Seit Mitte der 1980er Jahre hat sich der eiserne Griff Pekings etwas gelockert. Einige der früheren Klöster sind wieder aufgebaut worden, eine Ausbildung zum Mönch oder zur Nonne ist wieder möglich. Unter den Bewohnern in den neu eröffneten Klöstern befinden sich indes viele Spitzel in Roben: Die Kommunistische Partei möchte keine politisch unzuverlässigen Lamas. Wenn es um die Einsetzung von Tulkus geht, versucht die Zentralregierung mitzumischen und die künftigen Lamas zu „Patrioten“ im Sinne der „Ein-China-Politik“ zu erziehen. Die große Mehrheit der Tibeter jedoch hat nicht aufgehört den Dalai Lama zu verehren. In Zeiten, in denen sich der Buddhismus in der freien Welt wachsender Sympathie erfreut, ist der bekannteste Tibeter auch im Westen beliebt. Sein gewaltloser Einsatz für sein Heimatland und für den Dialog zwischen den Kulturen wird 1989 mit dem Friedensnobelpreis belohnt. Der chinesischen Führung ist die Popularität des Dalai Lama ein Ärgernis.

Unabhängigkeit für Tibet – ein erfüllbarer Wunsch?

In den 1990er Jahren veröffentlichte eine internationale Juristenkommission unter dem Vorsitz des Staatsrechtlers Dr. Michael van Walt van Praag eine viel beachtete Expertise über den völkerrechtlichen Status von Tibet. Hierin werden die Behauptungen, dass Tibet – historisch gesehen – zu China gehöre, zurückgewiesen. „Tibet war eine unabhängige, souveräne Nation, als die Armeen der Volksrepublik China 1950 in Tibet eindrangen“, heißt es in dem Bericht. Doch was ist ein solches Zeugnis wert, angesichts der chinesischen Übermacht, die seit über 50 Jahren auf dem Dach der Welt ausgeübt wird?

Man muss es klar sagen dürfen: An eine Wiederherstellung der Unabhängigkeit Tibets ist auf absehbare Zeit nicht zu denken. Rückständigkeit, schlechte Staatsführung – insbesondere in den 1930er und 40er Jahren –, Intrigen und Uneinigkeit (man denke an die wiederkehrende Gängelung der älteren buddhistischen Schulen des Landes) ließen Tibet vor über einem halben Jahrhundert zu einer leichten kolonialen Beute werden. Inzwischen ist das Land, in das die Volksrepublik einiges investiert hat, in vielerlei Hinsicht mit China verbunden. Millionen Chinesen leben dort; die Herauslösung des Landes würde die Tibeter von einer sehr leistungsfähigen Wirtschaft abkoppeln. Es gibt weltweit nicht einen bedeutenden Staat, der gegenüber der Volksrepublik ein unabhängiges Tibet fordert – zumal von den gegenseitigen Geschäften mit den sehr fleißigen Chinesen auch wir Westler profitieren.

Nicht egal ist dem Westen aber die Frage der Menschenrechte. Hier gehen die Sichtweisen des Westens und Chinas, aber auch der Tibeter und Chinesen, weit auseinander. Während in der Freien Welt individuelle Freiheiten – z. B. Meinungs-, Bekenntnis- und Religionsfreiheit – für wichtig erachtet werden, lauten in China die Prioritäten: Kollektive Sicherheit, Ordnung und die Sicherung der grundlegenden Lebensbedürfnisse. In der Tat hat die VR China hier Großes geleistet, schafft es eine riesige Bevölkerung von 1,2 Milliarden Menschen zu ernähren. Unter diesem Blickwinkel fällt es Chinesen schwer die Mängel ihrer Tibet-Politik zu begreifen. Wer mehr Freiheiten für die Tibeter fordert wird schnell verdächtigt ein „Separatist“ zu sein bzw. „sich in die inneren Angelegenheiten Chinas einzumischen“. An der Doktrin von der „Einheit des Mutterlandes“ lassen die Politiker Chinas nicht rütteln.

Aber damit ein Volk sein Selbstbestimmungsrecht ausüben kann, gibt es auch andere Modelle als eine Unabhängigkeit. In vielen Regionen Europas existieren ethnische Minderheiten, die besondere, staatlich garantierte Rechte genießen. Unter dem Dach der Russischen Föderation befinden sich Republiken – z. B. die buddhistisch geprägten Regionen Kalmükien, Burjatien und Tuwa – für die die Bezeichnung „autonom“ zutrifft. Neben den Insignien Russlands haben sie eine eigene Flaggen, Hymnen, Präsidenten und teilweise die Sprache ihrer Vorfahren als zweite Amtssprache. Ein solches Modell ist auch für Tibet denkbar. Einige Experten bringen auch das Beispiel Hongkong („Ein Land, zwei Systeme“) ins Gespräch. Als sich dort vor 11 Jahren Großbritannien die frühere Kolonie an China zurückgab, blieben in der Sonderverwaltungszone viele demokratische und wirtschaftliche Freiheiten in Kraft, die es anderswo in der Volksrepublik bislang nicht gibt.

Die psychologische Barriere

Bei jedem Streit ziehe die Versöhnung selbst dem leichtesten Siege vor“, schrieb einst der deutsche Denker Georg Christoph Lichtenberg. Das große China könnte mit einigen Zugeständnissen und der Gewährung echter Autonomie viel gewinnen: Internationale Anerkennung, innere Stabilität und den Erhalt einer alten buddhistischen Kultur, die auch das moderne China bereichern kann. Allerdings gibt eine kulturelle Eigenschaft bzw. eine psychologische Barriere bei den Chinesen, die einem Aufeinanderzugehen im Wege steht: Um das aufmüpfige Volk der Tibeter für sich zu gewinnen, müsste man frühere Fehler bekennen. Und das tun Chinesen – besonders wenn sie Macht haben – überhaupt nicht gerne. Dort gilt: Wer Fehler eingesteht verliert sein Gesicht. Kritik wird als Kränkung der Ehre empfunden, nicht als Chance etwas besser zu machen. Es ist doppelt tragisch, dass die Machthaber in Peking nicht verstehen, dass man durch solch ein Gebaren gegenüber der demokratischen Welt erst recht Gesicht verliert.

Ende April, nach diplomatischem Drängen durch die Europäische Union, verkündeten chinesische Medien, dass die Volksrepublik bereit sei mit Vertretern des Dalai Lama zu sprechen. Gleichzeitig aber wurde der Kopf der tibetischen Exilregierung als „Verbrecher“ beschimpft; eine imaginäre „Dalai Clique “ beschuldigt für die März-Unruhen verantwortlich zu sein. Und dies, obwohl der bekannteste Tibeter längst die Forderung nach einer Unabhängigkeit seiner Heimat aufgegeben hat, Gewalt kategorisch ablehnt und sich gegen einen Boykott der olympischen Spiele in Peking ausgesprochen hatte. Bereits seit 2002 hatten Delegationen der Exilregierung insgesamt sechs Mal China besucht. Heraus kam bei den Gesprächen bislang praktisch nichts. Es liegt auf der Hand, dass Veränderungen in Tibet kein Herzenswunsch von Peking sind und man nicht vorhat, mit der Seite des Dalai Lama auf gleicher Augenhöhe zu verhandeln. Insofern sind schnelle Verbesserungen für Tibet nicht zu erwarten. Unter diesen Umständen ist es wichtig, dass die USA und insbesondere die EU den sanften diplomatischen Druck auf die Volksrepublik aufrechterhalten. Um den Schatten, den die Tibet-Frage über Olympia geworfen hat zu überwinden, müssten führende Politiker Chinas wohl erst über den eigenen Schatten springen. Aber: Es würde sich lohnen.

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