Palmblatt-Projekt soll Kulturerbe von Laos bewahren (Bericht von 2009)

[Aus: „Buddhismus Heute“, Nr. 47/2009] © Michael den Hoet / Buddhismus Heute

VIENTIANE / PASSAU – Das südostasiatische Laos gehört zu den Staaten, die allgemein wenig wahrgenommen werden. Dabei hat das zwischen Thailand und Vietnam gelegene Land von der Größe Großbritanniens eine überaus interessante Kultur vorzuweisen. Fünftausend Tempel zeugen von der buddhistischen Geschichte der fünfeinhalb Millionen Laoten. Ein wichtiger Teil dieses geistigen Erbes – die in Theravada-Klöstern gelagerten alten Handschriften – drohte im Strudel der politisch turbulenten Entwicklung der letzten Jahrzehnte in Vergessenheit zu geraten. Ein Deutsch-Laotisches Forschungsprojekt hat in jahrelanger Arbeit einen großen Anteil dieser Manuskripte erfasst und vor dem drohenden Zerfall gerettet.

So oder so ähnlich muss die Niederschrift der Aussagen des historischen Buddha in der Frühzeit des Buddhismus vor sich gegangen sein: Fünf bis sechs Wochen dauerte es, bis Mönche die Palmblätter gesammelt, das innere Stück des Blattes herausgeschnitten und diese Stücke dann getrocknet, ausgekocht und gepresst hatten. Erst dann konnten sie Buchstaben in die bearbeiteten Blätter einritzen. So geschehen nicht nur im Alten Indien, sondern auch im Laos des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Buddhistische Sutras, Geschichtswerke und Grammatikbücher, Abhandlungen zu traditionellem Recht und Brauchtum, über Astrologie und Magie, von traditioneller Medizin und Mythologie, sowie eine große Anzahl epischer Werke und Volkserzählungen: Sie alle lagerten in hunderten von Klöstern, die über das ganze Land verteilt sind. Ein Teil war in Ermangelung besseren Materials auf Maulbeerbaumblättern geschrieben, die von geringerer Haltbarkeit als die Palmblätter sind.

In den 1970er Jahren stößt der deutsche Wissenschaftler Harald Hundius bei einer Forschungsreise in Laos auf die alten Schriften. Die Faszination für die kulturellen Schätze lässt ihn fortan nicht mehr los. Doch die politischen Verhältnisse des Landes am Mekong sind schwierig: Die französische Kolonialzeit, der Zweite Weltkrieg und vor allem der Vietnamkrieg, der auch Laos unfreiwillig zum Schlachtfeld machte, hatten ihre Spuren hinterlassen. 1975 findet ein kommunistischer Putsch statt. Zehntausende, darunter zahlreiche Mönche, werden in „Umerziehungslager“ gesteckt, viele Menschen fliehen.

Gegen Ende der Achtziger Jahre lockert sich der Griff der kommunistischen Staatspartei auf die klösterliche Sangha – sie wird im wirtschaftlich rückständigen Laos gebraucht. Während der Staat politische Kontrolle über die Klöster ausübt, können Mönche wieder normal ordiniert werden. Sie müssen sich aber kommunistischen Schulungen unterziehen und arbeiten, viele von ihnen werden Lehrer oder Ärzte. Zeit zum Studium ihrer traditionellen Literatur bleibt ihnen kaum. Die noch erhaltenen Palmblatt-Schriften, das kulturelle Gedächtnis von Laos, droht in Vergessenheit zu geraten.

Auch wenn heute die Lehre Buddhas in den Grundschulen durchaus gelehrt wird: Die jüngere Generation bevorzugt die westliche Lebensweise und besucht kaum noch Tempel. Nicht überall nimmt man es mit der Mönchsdisziplin sehr genau. Doch gerade in Zeiten des Umbruchs ist die Wertschätzung für die eigenen kulturellen Wurzeln für die Identität eines Landes wichtig.

1992 schafft es der Deutsche Harald Hundius, Professor der Südostasienkunde an der Universität Passau, ein internationales Forschungsprojekt zur Erhaltung Laotischer Handschriften in Gang zu setzen. Das Deutsche Außenministerium unterstützt das Vorhaben, auch die japanische Toyota-Stiftung bewilligt Gelder. 1996 wird in der Hauptstadt Vientiane die Nationale Universität von Laos gegründet. Sie profitiert sehr von der Arbeit des Projekts, das als „Hilfe zur Selbsthilfe“ konzipiert ist und zahlreiche freiwillige Helfer im ganzen Land findet. Ein eigener akademischer Nachwuchs für laotische Kulturwissenschaften und Buddhismuskunde entsteht.

Zehntausend Manuskripte mit insgesamt über drei Millionen Seiten aus mehreren hundert Klöstern sind katalogisiert und auf Mikrofilm erfasst worden. 2007 ist das erfolgreiche Projekt in eine zweite Runde gegangen. In Zusammenarbeit mit der Nationalbibliothek Laos, der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz zu Berlin und dem in London ansässigen „International Dunhuang Project“ der British Library werden bis 2010 die Bestände ausgebaut und für die internationale Forschung digital verfügbar gemacht. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert diesen Teil des Projekts mit knapp 300.000 Euro. Auch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit unterstützt das Vorhaben.

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