Afghanistan: Bergbau bedroht historische buddhistische Stätte (2011)

[Aus: „Buddhismus Heute“ Nr. 50/2011] © Michael den Hoet / Buddhismus Heute

KABUL – Gut zehn Jahre nach der Zerstörung monumentaler Buddha-Statuen im Bamiyan-Tal in Zentral-Afghanistan droht ein weiteres bedeutendes Denkmal aus der Zeit der buddhistischen Hochkulturperiode des Landes zu verschwinden. Diesmal ist die Ursache nicht politisch-religiöser Fanatismus, sondern vor allem der Rohstoffhunger der asiatischen Großmacht China.

In Mes Aynak, ca. 35 km südöstlich der Hauptstadt Kabul, befinden sich auf einem Gebiet von wenigen Quadratkilometern die Relikte einer Siedlung, die bis zu 2600 Jahre alt sein soll und einst an der ehemaligen Seidenstraße, dem wichtigsten Ost-West Handelsweg der Antike, lag. Tepe Kafiriat heißt die Stelle unter Archäologen. Diese sind erst gerade dabei, die lange Zeit fast unzugängliche Anlage zu erschließen, von der es heißt, dass sie zu den spektakulärsten kulturgeschichtlichen Funden der letzten Jahrzehnte gehört. Auf über zwölf ehemalige Siedlungsblöcke verteilt, fanden französische und afghanische Forscher bisher die Überreste von mindestens einer Klosteranlage, von über 150 mehr als lebensgroßen Buddhastatuen sowie dutzenden Stupas, von denen die größte ursprünglich ca. 14 Meter hoch gewesen sein soll. Sie repräsentieren die sogenannte Gandhara-Kultur, in der vor ungefähr zweitausend Jahren griechische und buddhistische Stilelemente zusammenkamen.

Doch ein Schatz ist Mes Aynak nicht nur für Kulturwissenschaftler. Sowjetische Archäologen, die Afghanistan in den 1960er und 70er Jahren vermaßen, entdeckten im ganzen Land viele Bodenschätze – und ausgerechnet hier eine der weltweit größten Lagerstätten für Kupfer. Das rückständige und von Jahrzehnte langen Bürgerkriegen, Stammesfehden und islamistischen Terrorismus geschundene Entwicklungsland ist auf die Erschließung seiner Mineralien dringend angewiesen – sobald halbwegs stabile Verhältnisse herrschen. Während die von NATO-Staaten angeführte internationale ISAF-Militärmission seit zehn Jahren mühsam und unter dem Einsatz vieler Menschenleben versucht Afghanistan zu befrieden, hat die Volksrepublik China Milliardenverträge abgeschlossen, um die geografisch meist ungünstig gelegenen Lagerstätten zu erschließen und ausbeuten zu dürfen. 2007 unterschrieb die „China Metallurgical Group“ eine Vereinbarung mit der afghanischen Regierung im Umfang von drei Milliaden US-Dollar. Mit dieser verplichtet sie sich auch die für Abbau, Grundverarbeitung und Transport notwendige Infrastruktur aufzubauen und Wohnungen, Schulen und Kliniken für die im Abbaugebiet ansässige Bevölkerung zu errichten. In der Region erhofft man sich zehntausende von neuen Arbeitsplätzen. Die archäologische Stätte Tepe Kafiriat, die auf den Kupferbergen steht, würde bei den jetzigen Plänen jedoch komplett verloren gehen.

Diese Stelle ist so massiv – es wäre mindestens ein archäologisches Zehnjahres-Projekt“, sagt Laura Tedesco, eine Archäologin in Diensten der Botschaft der USA in Afghanistan. Um bis 2014, dem angestrebten Beginn des Kupferabbaus in Mes Aynak, zumindest eine Inventarisierung der in Tepe Kafiriat vorhandenen Kunstschätze zu schaffen, wurde das wissenschaftliche Personal vor Ort aufgestockt. Sie haben nur noch vage Hoffnungen, dass sich Kupferabbau und Archäologie versöhnen ließen, indem man eine geschützte Zone um das frühere buddhistische Kulturzentrum anlegt. Eine Zone, die vielleicht irgendwann auch Touristen anziehen würde.

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