Süd-Korea: Buddhisten von Christen diskriminiert? (2009)

[Aus: „Buddhismus Heute“, Nr. 46/2009]  © Michael den Hoet / Buddhismus Heute

SEOUL – In Süd-Korea befürchten alteingesessene buddhistische Vereinigungen Nachteile gegenüber christlichen Kirchen. Anlass sind einige ungeschickte Äußerungen und Aktionen einiger Mitglieder der Regierung, die seit Ende Februar 2008 im Amt ist. Dreizehn von sechzehn Ministern sind protestantische oder katholische Christen; nur ein Buddhist sitzt im Kabinett. Der neue Präsident Lee Myung-bak, selber aktiver Christ und Ältester in einer einflussreichen presbyterianischen Kirche, hatte einst als Bürgermeister der Hauptstadt in einer evangelikalen Versammlung öffentlich verkündet „ich widme Seoul an Gott“. Er wurde zudem mit einer radikalchristlichen Gemeinschaft in Verbindung gebracht, die sich den „Fall der Tempel“ zum Ziel gesetzt hat. Kurz nach Regierungsantritt hatte ein Vertrauter von Lee in einem Interview gesagt „der Traum des Präsidenten ist es alle regierenden Ministerien zu christianisieren“.

Christianisiert wurde zunächst das viel genutzte Tourismus- und Nahverkehrsinformationssystem der Hauptstadt Seoul, Algoga (Finde deinen Weg). Buddhisten beschwerten sich laut darüber, dass die Hinweise auf die größten buddhistischen Tempel des Landes entfernt worden waren, während kleine christliche Kapellen neu markiert wurden. Verantwortlich dafür: Das Ministerium für Land, Verkehr und maritime Angelegenheiten. Dort teile man mit, es habe sich um ein Versehen gehandelt und zeichnete das buddhistische Kulturerbe wieder ein. So sensibilisiert, fiel es unangenehm auf, dass es Präsident Lee als erstes Staatsoberhaupt seit Jahrzehnten versäumte, aus Anlass des Geburtstages des historischen Buddha – Nationalfeiertag in Süd-Korea – eine offizielle Grußbotschaft an die Buddhisten des Landes zu richten. Der große Eklat folgte im Juli: Direkt an der Einfahrt zu seinem Tempel wurde der Vorsitzende des Jogye-Ordens, Jigwan, angehalten und sein Auto gründlich durchsucht – eine als Demütigung empfundene Maßnahme, die laut Gesetz so nur bei Verdacht einer schweren Straftat hätte durchgeführt werden dürfen. Da die Entschuldigung des Polizeichefs zunächst nicht akzeptiert wurde, suchte Ministerpräsident Han Seung-soo höchstpersönlich den Tempel auf um sein Bedauern über den peinlichen Vorfall auszudrücken.

Höhepunkt der Auseinandersetzung war eine Großdemonstration in Seoul Ende August, an der nach Angabe der Veranstalter 200 000 Menschen teilnahmen, hauptsächlich Buddhisten, aber auch gemäßigte Christen. Auf der Kundgebung rief der Jogye-Mönch Wonhak zu mehr Toleranz auf. Es ginge nicht darum „einen Zustand der Konfrontation herbeizuführen, sondern soziale Konflikte und Teilung zu beenden.“

In der Tat verläuft im normalen Leben das Nebeneinander von christlich-protestantischen, katholischen und buddhistischen Einrichtungen praktisch problemlos. Es kommt häufig vor, dass sich an Feiertagen religiöse Führer gegenseitig in ihren Kirchen und Tempeln besuchen. Die Verfassung des Landes kennt keine Staatsreligion und sieht die Trennung von Staat und Politik vor. Fast die Hälfte der ca. 48 Millionen Südkoreaner bezeichnet sich als unreligiös. 29 % der Bevölkerung gehören zu einer der christlichen Kirchen, etwa 11 Millionen oder 23 % bekennen sich zum Buddhismus. Die buddhistische Lehre ist in Korea schon seit 1700 Jahren bekannt, während das Christentum erst in der 2. Hälfte des 20. Jahrhundert einflussreich wurde. Insbesondere die junge Generation wendet sich zunehmend vom Buddhismus ab, der allgemein als zu rituell und verstaubt wahrgenommen wird.

Park Kwang-seo, Professor an der Sogang-Universität in Seoul und führendes Mitglied des Koreanischen „Instituts für Religionsfreiheit“, weist darauf hin, dass die meisten Regierungen seit der Staatsgründung im Jahre 1948 das Christentum bevorzugt und deren Sozialarbeit politisch stark unterstützt hätten. Von Anfang an habe es beispielsweise ein christlich-pastorales Amt in der Armee gegeben; den Buddhisten gestand man dies erst zwanzig Jahre später zu. Ein protestantischer Radiodienst wurde 1954 in Betrieb genommen, während das erste Buddhistische Programm erst 1990 auf Sendung gehen konnte. Er kritisiert insbesondere die anti-buddhistische Propaganda des ersten Staatspräsidenten, Rhee Syng-man (1948-1960), der Älterer bei der Methodistenkirche war und als sehr autokratisch galt. Park Kwang-seo: „Die lokalen Buddhisten haben sich nicht gegen religiöse Attacken gewehrt, sondern ignorierten sie. Heute zahlen sie einen hohen Preis für ihre Toleranz.“

Nachdem der Jogye-Orden gedroht hatte, gegebenenfalls eine landesweite Kampagne zu entfachen, ruderte Präsident Lee Myung-bak zurück und sagte Anfang September im Staatsfernsehen: „Ich bedaure zutiefst, dass einige Regierungsangehörige die Buddhistische Gemeinschaft unbeabsichtigter Weise durch Worte und Verhalten gekränkt haben, die als religiöse Voreingenommenheit missverstanden werden konnten.“ Nicht wenige Buddhisten Süd-Koreas jedoch misstrauen der Entschuldigung und fordern ein Gesetz gegen religiöse Diskriminierung.

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