Bangladesh: Illegale Siedler im buddhistischen Stammesgebiet (2008)

[Aus: „Buddhismus Heute“, Nr. 45/2008, Rubrik „Nachrichten & Hintergründe“] © Michael den Hoet / Buddhismus Heute

CHITTAGONG – Auch in Bangladesh ist ein Zusammenprall verschiedener Kulturkreise im Gange. Verarmte muslimische Siedler drängen aus dem stark überbevölkerten Ganges-Delta in die südöstliche Bergregion nahe Chittagong, wo ein großer Teil der fast 1,5 Millionen umfassenden buddhistischen Minderheit des Landes lebt.

„Jhum“ ist in der lokalen Sprache die Beschreibung der halbnomadischen Lebensweise von dreizehn Stämmen Sino-tibetischer Herkunft in der Bergregion oberhalb von Chittagong. Es bedeutet soviel wie „Holz schlagen und weiterziehen“: Erst macht man ein verwuchertes Gebiet urbar, bebaut es einige Zeit, lässt es dann aber bald wieder verwildern, damit die Natur sich regenerieren kann, und zieht weiter. Einige Jahre später kann es sein, dass man wieder zurück kommt und neu anfängt. Die Volksgruppe der „Jumma“ – größtenteils Theravada-Buddhisten – lebte ihre auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Wanderwirtschaft lange unbehelligt. Der Lauf der Geschichte sorgte dafür, dass ihr Stammgebiet mit der indischen Unabhängigkeit 1947 dem Ostteil des neuen, muslimisch geprägten Staates Pakistan zugeschlagen wurde. 1971 wiederum wurde Ost-Pakistan zum eigenständigen Staat Bangladesh.

Die Jumma, ca. 500 000 bis 800 000 Menschen, fühlten sich in diesem Land nie gut aufgehoben. Ihr Stammesgebiet – die so genannten „Chittagong Hill Tracts“ – macht ein Zehntel der Fläche Bangladeshs aus und ist gleichzeitig sein am dünnsten besiedelter Teil. Doch Bangladesh leidet unter einem immensen Bevölkerungsdruck: Auf einer Fläche von weniger als der Hälfte Deutschlands leben 148 Millionen Menschen, die Geburtenrate ist hoch. Zur jährlichen Regenzeit kommt es an den Mündungen von Ganges und Brahmaputra oft zu Überflutungen. Weite Teile des Landes stehen dann unter Wasser. Seit der Staatsgründung 1971 nahm der Zuzug von Bengalen in das Bergland rapide zu, die Jumma wehrten sich. Mit einem Friedensabkommen vom Dezember 1997 sollte die Zuwanderung eingedämmt werden. Die Armee, die zunächst Partei für die Neusiedler ergriffen hatte, musste viele Posten räumen.

Ein Problem aber blieb ungelöst: Die Besitzverhältnisse der Ländereien in dieser fruchtbaren Region. Inzwischen machen zugewanderte Bengalen fast die Hälfte der Bewohner der Chittagong Hill Tracts aus. Seit im Januar 2007 in Bangladesh der Ausnahmezustand verhängt wurde ist die Armee wieder da. Sie konfisziert Land und bringt immer wieder Schübe von jeweils hunderten Bengalischen Familien in das Gebiet. Wo sich Widerstand regt, wird mit staatlichem Terror “nachgeholfen“. Eine besondere Zielscheibe des organisierten Vandalismus sind die buddhistischen Tempel: Sind sie erst beschädigt oder zerstört, verlieren die hier lebenden Jumma ihren Dorfmittelpunkt. Zahlreiche Fälle von Brandanschlägen auf ganze Dörfer, willkürlichen Verhaftungen und Folter wurden in den letzten Jahresberichten von Menschenrechtsorganisationen erwähnt. Das „Asian Centre for Human Rights“ ruft die westlichen Staaten und Zivilorganisationen auf sich zu engagieren: „Wenn nicht bald Vertreter der Internationalen Staatengemeinschaft Besuche in das Gebiet unternehmen, werden sich die Angriffe auf die einheimische Jumma-Bevölkerung nur noch verstärken.“

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