Rezension Kurzfilm „Schwarzfahrer“

Triumph der Schadenfreude

Vor 19 Jahren gewann der Berliner Regisseur Pepe Danquart mit „Schwarzfahrer“ einen Oscar. Der Kurzfilm wurde gefeiert. Bald tauchten Plagiatsvorwürfe auf. Sehenswert ist der Streifen trotzdem.

© Michael den Hoet

Der Blick schweift über Berlin. Ein Mann mit 50er Jahre-Helm versucht sein Moped zu starten – und scheitert. Menschen steigen aus der U-Bahn und strömen auf die Straße, darunter ein älteres Mädchen. Zwei junge Frauen unterhalten sich im Café. Um die Ecke tuscheln Türkische Jugendliche. Ein junger Farbiger klatscht sich vor einem Imbiss mit einem Freund ab und läuft zur Haltestelle: Großstadtleben an einem Tag im Sommer. Kurz danach sitzen all diese Menschen im gleichen Straßenbahnwagen. Der Zug fährt los.

So beginnt einer der erfolgreichsten Werke der jüngeren deutschen Filmgeschichte. Pepe Danquart holt am 21. März 1994 mit dem Streifen „Schwarzfahrer“ den begehrten Oscar für den besten Kurzfilm. Wenige Monate zuvor hatte er damit in der gleichen Kategorie bereits das „Melbourne International Film Festival“ gewonnen. Es ist ein 12minütiges Werk, dass sich gegen den kleinen, ganz alltäglichen Rassismus wendet. Einen Rassismus, der schließlich auf verblüffende Weise entlarvt wird.

Der junge, dunkelhäutige Mann, der als Letzter auf die Straßenbahn aufspringt, gerät bald in den Brennpunkt der Aufmerksamkeit. Er setzt sich neben eine rüstige, ältere Frau, die sich neben dem Fahrgast mit offensichtlichem Migrationshintergrund erkennbar unwohl fühlt.

Die Tram erreicht den Stadtteil Friedrichshain, die Frau fängt an zu schimpfen. „Sie Flegel. Warum setzten Sie sich nicht irgendwo anders hin?“, startet sie ihre Tiraden. „Jetzt kann man nicht einmal mehr Straßenbahn fahren, ohne belästigt zu werden.“ Die Kamera blickt auf andere Fahrgäste. Ein Junge grinst. Ansonsten schaut niemand auf. Langsam, aber sicher, steigert sie sich mit ihren Bemerkungen: in immer kürzeren Abständen, mit jedem Mal ein wenig lauter und drastischer. Die ersten Blicke der Mitfahrer richten sich auf die ungleichen Sitznachbarn. Einer der Jugendlichen reagiert sauer und sagt etwas auf Türkisch, wird jedoch von seinem Kameraden zurückgehalten. Ansonsten macht keiner den Mund auf.

Der Film wurde in Schwarz-Weiß gedreht – ein Kunstgriff, der das Geschehen deutlicher werden lässt: Der farbige Fahrgast tritt als vermeintliches „schwarzes Schaf“ hervor. Auch das Schwarz-Weiß-Denken, unsichtbarer Feind des friedlichen Zusammenlebens von Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund, bekommt dadurch Konturen. Kurze Einblendungen zeigen Nahaufnahmen der Fahrgäste, die Zeugen des Geschehens sind. Anhand ihrer Porträts kann man deren Gedanken fast fühlen: Ihre Gesichtszüge lassen kaum Gleichgültigkeit erahnen, dafür bilden sie betretenes Schweigen und Unbehagen ab. Kein Zweifel, auf wessen Seite die Mehrheit der Passgiere steht.

Wenn das so weiter geht, haben wir bald nur noch Türken, Polen und Neger hier“, keift die Seniorin. Dann steigt ein Fahrkartenkontrolleur ein…

Mit der verblüffende Pointe, die nun folgen wird, siegt die Schadenfreude der schweigenden Mehrheit über das Vorurteil. Doch das Bonmot ist nicht neu. Bereits 1987 hatte ein Werbespot für die Osloer Verkehrsbetriebe diese Idee verarbeitet und damit in Cannes den Grand Prix für Werbefilme ergattert. Ist das Oscar-prämierte Filmchen aus Berlin ein Plagiat?

Das ist Unsinn. Ich habe den Werbespot noch nie gesehen. Meine gute Laune wurde durch die Nachricht aber doch getrübt“, sagt Danquart dazu. Er habe die Geschichte von einer Bekannten gehört, die ein vergleichbares Geschehnis in der Schweiz erlebt habe. Aber es gibt noch ein weiteres Machwerk, das verblüffende Ähnlichkeit aufweist. Der wenige Monate nach „Schwarzfahrer“ in Belgien gedrehte Kurzfilm „La Dame dans le Tram“ – auf Deutsch: die Dame in der Straßenbahn – erzählt praktisch die gleiche Episode. Auch sein Regisseur Jean-Phillipe Laroche will die Begebenheit vom Hörensagen kennen, diesmal von einer Freundin aus Brüssel.

Der Produzent von „Schwarzfahrer“, Albert Kitzler, ist Jurist. Um den Ruhm des Films zu bewahren ließ er sich die Schilderung der Zeugin aus der Schweiz sogar durch eine eidesstattliche Erklärung bestätigen. „Außerdem kommt es doch immer auf die Umsetzung eines Plots an“, so Kitzler.

Zumindest mit Letzterem dürfte er Recht haben. Der Kurzfilm von Danquart besticht durch gute Schauspieler, geschickt eingesetze Stilmittel und pointierte Schnitte. Die Botschaft bleibt im Gedächtnis hängen. Sehenswert ist „Schwarzfahrer“ allemal.

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Referenzen:
Kurzfilm „Schwarzfahrer“ (1992) auf YouTube

Kurzfilm „La Dame dans le Tram“ (1993) auf YouTube

Werbespot der Agentur „New Deal“ für die Verkehrsbetriebe Oslo (Oslo sporveier) 1986 auf YouTube

Wikipedia-Artikel zum Kurzfilm „Schwarzfahrer“ – Abruf 1.6.13
Alles selbst erlebt
. SPIEGEL Nr. 13/1994
– Abruf 31.5.13
Die Heimkehr des „Schwarzfahrers“, Berliner Zeitung v. 25.3.1994 – Abruf 1.6.13
Pepe goes to Holywood
, ZEIT Nr 14/1994
– Abruf 1.6.13

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