Bhutan: Vertreibung aus dem Shangri-La? (Bericht von 2006)

Der Konflikt um die Nepali-Bevölkerung Bhutans

[Bericht für die Buddhismus Heute, Nr. 41/2006] © Michael den Hoet / „Buddhismus Heute“

„Ein König lässt säubern“, schrieb vor einigen Monaten eines der renommiertesten Nachrichtenmagazine Deutschlands. Ein Sechstel seines eigenen Volkes, so „Der Spiegel“, habe der Monarch außer Landes gejagt, um seine Machtgrundlage zu sichern. Dabei sei massiv Gewalt ausgeübt worden: „Jeder Zweite, sagen Menschenrechtler, sei zuvor gefoltert worden, mehr als die Hälfte der Frauen hätten von Vergewaltigungen berichtet.“ Die so gescholtene Majestät ist nicht etwa Diktator in einem hochgerüsteten, korrupten Bürgerkriegsland in der Dritten Welt. Nein, es handelt sich um Jigme Singye Wangchuk, oberster Souverän im buddhistischen Bhutan. Wer einmal das idyllische Königreich im Südosten des Himalaja bereist hat, wird stutzen: Wie passen solche Vorwürfe zur Mentalität der friedlichen Bhutaner und dem Ansehen des Königs, der ja vor kurzem von sich aus einen Entwurf für eine demokratische Verfassung vorgelegt hat?

Blicken wir auf die Geschichte, die hinter dieser Meldung steckt.
Seit etwa 15 Jahren leben über 100 000 Menschen in Flüchtlingslagern in Nepal, darunter mehrere Zehntausend Kinder. Sie sprechen Nepali, sind überwiegend Hindus und haben nepalesische Vorfahren, doch sie betrachten sich als Bhutaner. Die Erwachsenen, so heißt es, wohnten einst im östlich gelegenen Bhutan und zählten sich zu der Bevölkerungsgruppe der „Lhotsampas“, den Einwohnern mit nepalesischen kulturellen Wurzeln. Die Lager, in denen sie – abgeschirmt von der Außenwelt – hausen, stehen unter der Aufsicht des UNHCR, dem Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen. Für den Unterhalt der Lager kommen hauptsächlich westliche Staaten auf, wie etwa Österreich, die Niederlande und Deutschland. Sowohl die meisten Insassen, der Staat Nepal als auch das UNHCR fordern offiziell die Rückkehr der Menschen. Die bhutanische Regierung lehnt dies für die meisten von ihnen ab und sagt, viele der Lagerbewohner hätten sich früher illegal in Bhutan aufgehalten.

Zur Geschichte Bhutans

Die Lhotsampas sind ein verhältnismäßig junges Phänomen in der Geschichte des traditionell buddhistischen Bhutan. Die meisten der Völkerschaften des Landes sind ethnisch und kulturell mit den Tibetern verwandt. Die ersten buddhistischen Tempel sollen im 7. Jahrhundert hier erbaut worden sein; einige Jahrzehnte später hält sich der legendäre Guru Rinpoche (Phadmasambhava) auf dem Weg nach Tibet in Bhutan auf. Bald danach gerät das Territorium des heutigen Bhutan für einige Zeit unter tibetische Herrschaft, bevor Tibet de facto in mehrere Fürstentümer zerfällt. Wiederholt fliehen Lamas nach Bhutan: Im 14. Jahrhundert einige Angehörige der – damals noch kleinen – Reformlinie der Gelugpas, später Angehörige der alten Schule der Nyinmga sowie prominente Lehrer verschiedener Kagyü-Schulen. Später hinterlässt der höchst unkonventionelle Verwirklicher Drugpa Künleg (1455-1529) einen bis heute bleibenden Eindruck auf die buddhistische Kultur des Landes.

1616 verlässt der wichtigste Lama des bedeutenden Drukpa-Kagyü-Klosters, Ralang, Shabdrung Ngawang Namgyal (1594 – 1651), wegen politischer Intrigen Tibet. In Bhutan baut er „Dzongs“, festungsartig angelegte Klöster, die gleichzeitig als lokale Verwaltungszentren dienen. In der Folge eint er die Stämme im Land, das zwischen 1629 und 1651 mehrere Angriffe vom Dach der Welt abwehrt – zu einer Zeit, als in Tibet eine Art Bürgerkrieg herrscht und die Soldaten des mongolischen Fürst Gushri Khan die Gelugpa-Schule des damaligen fünften Dalai Lama zur stärksten Kraft im nun weitgehend vereinten Tibet machen. In Bhutan etabliert Shabdrung Ngawang Namgyal ein duales Herrschaftssystem: Der „Druk Desi“ wird als Staatslenker eingesetzt, der „Je Khenpo“ als spirituelles Oberhaupt – wobei für gewöhnlich der angesehenste Lama des Landes in dieses Amt gewählt wird. Der Buddhismus nach Lesart der Drukpa-Kagyü-Linie wird praktisch Staatsreligion; der einheimische Name für Bhutan, „Druk-yul“ (= Land des Drachen) leitet sich davon ab. Aber auch andere Linien des Tibetischen Buddhismus sind bis heute vertreten.

Ebenfalls in die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts fällt die Gründung eines weiteren buddhistischen Himalajastaates: 1642 – im gleichen Jahr, in dem in Tibet der 5. Dalai Lama zum Staatsoberhaupt erkoren wird – begründet Phüntsog Namgyal das Nyingma-Fürstentum Sikkim. Mit Unterstützung der einheimischen Lepcha- und Bhotia-Clans lässt er sich zum „Chogyal“ (lokalen König) ernennen. Das Land von der Größe halb Schleswig-Holsteins sollte seine Unabhängigkeit über 300 Jahre lang bewahren.

Nach Shabdrung Ngawang Namgyal (dessen Tod man über viele Jahre verheimlicht) herrschen meist unklare weltliche Machtverhältnisse in Bhutan. Auch um die offiziellen Reinkarnationen des Shabdrung Tulku wird häufiger gestritten. Mehrmals geraten bhutanische Truppen entlang der unzureichend definierten Grenze in kriegerische Auseinandersetzungen mit Armeen der Kolonialmacht Großbritannien, welches damals über Indien herrscht. 1885 schließlich erringt der lokale Gouverneur im Trongsa-Gebiet, Ugyen Wangchuk, mit britischer Militärhilfe die Kontrolle über das ganze Land. 1907 wählt ihn eine Versammlung führender Stammesvertreter und Lamas zum ersten König („Druk Gyalpo“) des modernen Bhutan. Als 1910 Chinesische Truppen für einige Monate nach Tibet einmarschieren und China Ansprüche auf Nepal, Sikkim, Bhutan sowie indische Himalajaregionen erhebt, schließt Bhutan zum eigenen Schutz ein Abkommen mit Großbritannien.

Einwanderer verändern das Land

Zu diesem Zeitpunkt haben sich bereits die ersten Einwanderer aus Nepal in Bhutan niedergelassen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts sind sie von den Briten als Hilfsarbeiter für die Reisplantagen im Süden des Landes angeworben worden. Die Gastarbeiter bleiben, die schleichende Zuwanderung aus Nepal – einem Land mit einer der höchsten Geburtenraten weltweit – nimmt zu. 1958 verhängt die Regierung Bhutans einen Niederlassungsstopp. Im Gegenzug erlässt sie ein Staatsbürgerschaftsgesetz, das den bis dato zugewanderten Nepalis bzw. ihren direkten Nachfahren die Möglichkeit gibt, die Nationalität Bhutans anzunehmen. Die „Lhotsampa“, wie man diese Volksgruppe nun nennt, sollten einen gesicherten Status als Minderheit innerhalb Bhutans erhalten. Nepali wird als eine der Verkehrssprachen anerkannt, in ihren Siedlungsgebieten werden einige Hindu-Tempel errichtet.

Anfang der 1980er Jahre erschrickt die Bhutanische Führung. Volkszählungen in Teilen des Landes haben ein enormes Anwachsen der Nepali-stämmigen Bevölkerung ergeben: Ein Wachstum, das nicht allein mit hohen Geburtenraten zu erklären ist, sondern auf Masseneinwanderung über die schlecht gesicherten Grenzen des Landes deutet. Hätte man die demographische Entwicklung fortgeschrieben, wäre die alteingesessene Bevölkerung in absehbarer Zeit zur Minderheit im eigenen Land geworden. Den Bhutanern war die Entwicklung im Nachbarland Sikkim nicht entgangen: In den 1970iger Jahren hatten die Nachfahren nepalesischer und indischer Einwanderer den tibetischstämmigen König gestürzt und für den Beitritt des Landes zu Indien votiert. Heute beträgt das Zahlenverhältnis von traditionell hinduistischen zu buddhistischen Stämmen in Sikkim ungefähr 65 zu 35. (Wobei allerdings bemerkt werden darf, dass ein religiöser Konflikt zwischen Buddhisten und den meist säkular eingestellten Hindus bislang nicht erkennbar ist – weder in Sikkim noch in Bhutan.)

Die Führung Bhutans reagiert die mit einer Politik, die auf eine Integration und teilweise Akkulturation der nepalischstämmigen Bevölkerung abzielt. Die traditionelle Kleidung wird landesweit verbindlich, die Hauptsprache Dzonkha zur maßgeblichen Amtssprache erklärt und das Staatsbürgerrecht geändert: Nur diejenigen, die beweisen können, dass sie oder ihre Vorfahren 1958 ihren festen Wohnsitz in Bhutan gehabt haben, können die Staatsbürgerschaft behalten bzw. erlangen. Wer Ausländer heiratet, kann fortan seinen Bhutanischen Pass verlieren. 1986 beginnt die Regierung Bhutans einige Hundert Menschen, die sich eindeutig illegal im Land aufhalten, abzuschieben. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNHCR richtet ein Lager in Nepal ein und erklärt die Ausgewiesenen zu „Flüchtlingen“, die einen Anspruch auf „Rückkehr“ nach Bhutan hätten. Wegen dieses als parteiisch empfundenen Vorgehens kommt das UNHCR vonseiten der Bhutaner bis heute nicht als neutraler Vermittler infrage. Und das, obwohl Bhutan seit 1971 Mitglied der Vereinten Nationen ist und in vielen Bereichen gut mit der UNO zusammenarbeitet.

Lhotsampas bilden Ende der 1980er Jahre politische Organisationen. Ihre Demonstrationen erschüttern das Selbstverständnis der Alt-Bhutaner, die einerseits keine Umwälzungen wollen, sich andererseits durch “Landnahme“ und “Infiltration“ von Lhotsampas bedroht fühlen. Einige Aktionen ufern in gewalttätige Unruhen und Guerilla-Aktionen aus, Menschen sterben. Auch der Einfluss von Nepali-Siedlungen südlich der lange schlecht gesicherten Grenze spielt eine Rolle: Mehrere Millionen Menschen nepalesischer Herkunft halten sich ohne gültige Papiere dauerhaft in Indien auf. Über Jahre operieren im Dschungelgebiet zwischen Nord-Bengalen, dem Nordwesten Assams und Bhutan zudem Rebellengruppen wie die „Assam Freiheits-Front“ und andere. Schließlich sieht sich die Regierung Bhutans veranlasst, zehntausende in ihren Augen illegale Einwanderer oder straffällig Gewordene nach Nepal abzuschieben, was hauptsächlich um 1991 herum geschieht. Beamte suchen Nepalistämmige auf und drängen sie mit Hinweis auf ihren unsicheren Aufenthaltsstatus dazu Einverständniserklärungen zu ihrer Ausreise zu unterschreiben.

Dass es hierbei zu Härten und vereinzelten Übergriffen gekommen ist wird im Nachhinein auch von der Regierung Bhutans nicht bestritten. Die dramatischen Zahlen über Folter und Vergewaltigungen, die einige Interessengruppen in die Welt setzen und die später sogar renommierte Organisationen wie „Anmesty International“ ungeprüft übernehmen, sind indes falsch. In einer offiziellen Stellungnahme des UNHCR vom Sommer 2005 heißt es zu diesen Vorwürfen: „Dies ist bei Weitem nicht wahr. Von über 100 000 Flüchtlingen haben wir gerade 1700 ausgemacht, die möglicherweise vor ihrer Flucht Opfer von Folter oder unmenschlicher bzw. entwürdigender Behandlung wurden. … Wir können davon ausgehen, dass die meisten Fälle von Vergewaltigungen bzw. versuchten Vergewaltigungen bereits dokumentiert sind.“

Trotz allem: Nepal und Bhutan verhandeln

Die Lhotsampa-Lager in Nepal wachsen schnell. Nach einigem Hin und Her (in Asien dauert so etwas naturgemäß länger) kommen Gespräche zwischen Nepal und Bhutan über den Status der Flüchtlinge in Gang. Bhutan drängt auf eine systematische Erfassung der Lagerbewohner und eine Einteilung in vier Kategorien von „Rückkehr erwünscht“ bis „eindeutig illegal“, erklärt seine Bereitschaft langfristig einige Tausend Menschen zurückzunehmen. Doch die Lage in Nepal erschwert die Verhandlungen: Wechselnde Regierungen, politische Instabilität, Bürgerkrieg und schließlich der Ausnahmezustand von 2002. Als eine Arbeitskommission aus Bhutan Ende 2003 die Lager besuchen will um die Ausreise einer Gruppe von einigen hundert Menschen vorzubereiten, wird sie angegriffen. Einige nepalesische Wachposten sterben. Es gibt Gerüchte, denen zufolge Stellen in Nepal die Angriffe eingefädelt hätten: Jährlich gibt die Weltgemeinschaft 15 Millionen US-$ zum Unterhalt der Lager aus; das meiste Geld bleibt in Nepal und wird für die lokale Wirtschaft dringend gebraucht. Ergo: Viele Nepalis leben gut mit dem bestehenden Zustand und wollen keine Lösung!

Die Situation für die in Bhutan verbliebenen Lhotsampas ist teilweise kompliziert. Die Clan- und Kastenstrukturen unter den Lhotsampas machen es für Beamte und Außenstehende nicht leicht zu erkennen, wer bereits länger in Bhutan lebt oder wer vor nicht allzu langer Zeit eingeschleust wurde. Die Regierung gewährt vielen nur zögerlich die Bürgerrechte. Um die Nationalität zu erlangen, müssen Antragsteller ein so genanntes “No Objection Certificate“ vorweisen. Auch was die Loyalität zum Staat und zum König betrifft scheint es bei den Lhotsampas sehr unterschiedliche Einstellungen zu geben. Als z. B. der Monarch Jigme Singye Wangchuk eine ihrer Siedlungen im Süden des Landes besucht und sich mit Menschen in ihrer Sprache, also Nepali, unterhält, wird auf Video eine Szene festgehalten, wie er einem älteren Ehepaar Hilfe bei ihren Schwierigkeiten mit der Bürokratie verspricht. Obwohl er ihnen sagt: „Ich möchte, dass ihr hier bleibt“, sind die beiden wenige Tage später in Richtung Nepal verschwunden – die eigenen Verwandten hatten sie wegen ihrer „Kollaboration“ verstoßen. Doch auch Beispiele gut integrierter Lhotsampas gibt es. Vor kurzem lernte ich auf einer Tagung der „Deutschen Bhutan Himalaya Gesellschaft“ einen jungen Lhotsampa in bhutanischer Landestracht kennen, der in Deutschland studiert. Einerseits wusste er auf Nachfrage von Diskriminierung von Angehörigen seiner Bevölkerungsgruppe zu berichten, andererseits pries er bei einer Bildschirmpräsentation auf ehrliche und rührende Weise den König für „seinen unermüdlichen und bürgernahen Einsatz zum Wohle des Volkes“.

Verordnete Demokratie? Die neue Verfassung

Indessen steht das Land vor einem großen Umbruch: König Jigme Singye Wangchuk drängt auf die Einführung der Demokratie und hat eine Verfassung ausarbeiten lassen, die derzeit auf Versammlungen im ganzen Land diskutiert wird. Bhutan, so der König, müsse für die Zukunft fit gemacht werden – und zwar besser jetzt, wo die Verhältnisse stabil seien als in vielen Jahren unter womöglich viel schwierigeren Umständen. Im Zuge dieser Veränderungen hat er für spätestens 2008 seinen Rücktritt angekündigt und seinen ältesten Sohn zum Thronfolger bestimmt. Die große Mehrheit Bevölkerung reagiert darauf zögerlich und möchte den überaus populären Jigme Singye Wangchuk als König behalten. Die Verfassung sieht den Buddhismus als geschützte Staatsreligion vor, schreibt Dzongkha (das bei einigen Bevölkerungsgruppen bislang nur wenig gesprochen wird) als Landessprache fest, enthält Maßnahmen zum Schutz der ökologischen Ressourcen, zielt auf ein Parlament mit einem System zweier miteinander kooperierender Parteien. Der Hintergedanke eines einheitlichen Staatsvolks findet sich in den Regelungen zu Staatsbürgerschaft wieder. Einbürgerungen von Zugewanderten werden restriktiv gehandhabt: Bhutaner, die Ausländer heiraten, wird der Zugang zu Staatsämtern erschwert, Kinder aus binationalen Ehen sollen erst auf Antrag und unter bestimmten Voraussetzungen bei Volljährigkeit die Staatsangehörigkeit Bhutans bekommen.

Ende Mai 2005 hat eine große Volkszählung in Bhutan stattgefunden. Viele Zahlen aus der Erhebung sind inzwischen veröffentlicht worden. So ist etwa zu erfahren, dass sich über 96 % der Bevölkerung Bhutans als „glücklich“ oder „sehr glücklich“ bezeichnet, 65,4 % der Häuser im Land mit Metalldächern gedeckt sind und das Verhältnis von männlicher zu weiblicher Bevölkerung 111 zu 100 beträgt. Angaben zu religiösem Bekenntnis oder ethnischer Herkunft der Bevölkerung sucht man in den bisher bekannt gewordenen Statistiken vergeblich.

Trotz aller Modernisierungsbestrebungen: Die Wahrung der buddhistischen Traditionen im Land hat nach wie vor einen hohen Stellenwert. Dies umso mehr, als Bhutan das letzte Land im Zentralasien ist, das sich eine intakte buddhistische Kultur hat erhalten können. Wo unter diesen Bedingungen die Lhotsampas ihren Platz in der Gesellschaft Bhutans finden werden, muss die Zukunft zeigen.

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