Terroranschlag in Wolgograd: Die falsche „Schwarze Witwe“

Russische Medien enthüllen Details zum jüngsten Terrorangriff in Wolgograd. Neues zur Wahnsinnstat und ihren Hintergründen – und warum uns der Anschlag nicht kalt lassen sollte

[Dieser Artikel erschien am 28.10.2013 unter Pseudonym auf der Nachrichtenplattform Europenews] © Michael den Hoet / Europenews

WOLGOGRAD – Es ist ein anstrengender Tag für Lena Sergejewna*. Deutlich mehr Verstorbene als sonst hat die Mitarbeiterin am Empfang der Leichenhalle des Stadtbezirks Krasnoarmeijsk bereits entgegennehmen müssen. Doch es sollte noch schlimmer kommen.

21. Oktober, Nachmittag : Ein Anruf kündigt die Ankunft weiterer Toter an. Alle Mitarbeiter der Gerichtsmedizin, die an diesem Tage frei haben, werden an ihre Arbeitsplätze beordert. Als die Fahrzeuge eintreffen, bietet sich ein erschütternder Anblick: Sechs blutige, völlig entstellte Körper sind allesamt die junger Menschen. Ein Leichnam ist so zerfetzt, dass es Stunden dauern wird um das Geschlecht zu ermitteln.

Ein Terroranschlag erschüttert die südrussische Metropole Wolgograd. Um 14.05 Uhr explodiert auf der Nord-Süd-Hauptstraße nahe der Haltestelle Lesobasa ein Linienbus. In dem voll besetzten Fahrzeug sind sechs Schüler und Studenten im Alter zwischen 16 und 29 Jahren auf der Stelle tot. Einer 44jährigen Fahrkartenverkäuferin, Mutter zweier Kinder, wird ein Bein abgerissen.** Weitere 54 Menschen werden zum Teil schwer verletzt. Ein Krankenwagen fährt in Sichtweite vor dem Bus und ist nur wenige Augenblicke nach dem Unglück zur Stelle. Die Besatzung springt heraus und hilft, wo sie kann. Mit viel Mühe können Ärzte im Krankenhaus später das Leben eines 20 Monate alten Kleinkindes retten. Doch Spätschäden werden bleiben.

„Schwarze Witwe“? Mitnichten!

Kopftuch und ein weites Gewand trägt die Frau, als sie einen Sprengstoffgürtel zündet, der mit Schrauben und Metallsplittern gefüllt ist. Gleich zwei Windschutzscheibenkameras in Autos, die hinter dem Unglücksbus fahren, filmen die Detonation.

Die Sprengkraft der Bombe enspricht über einem halben Kilo TNT. Ein weiteres Reservoir mit etwa der doppelten Menge Dynamit explodiert nicht und wird später von einem eigens aus Moskau eingeflogenen Expertenteam vor Ort entschärft. Die Attentäterin wird identifiziert als Naida Asijalowa aus der Provinz Dagestan.

Eine Autokamera filmt die Explosion

„Schwarze Witwe“. Mit diesem Schlagwort füllen deutsche Medien noch am Nachmittag die Titelzeilen ihrer Berichte zur Tragödie von Wolgograd. Die Online-Portale renommierter Zeitungen und Magazine behalten den Begriff auch noch dann bei, als sich längst herausgestellt hat, dass er falsch ist.

Die Mörderin ist 30 Jahre alt und keineswegs ein direktes oder mittelbares Opfer der Bürgerkriege in Tschetschenien der letzten Jahre. Sie hat lange in Moskau gearbeitet: zunächst für ein türkisches Bauuntenehmen, später in der russischen Niederlassung einer britischen Firma für Unternehmensberatung und Personalvermittlung.

In der Hauptstadt, bei einem Arabisch-Kurs an der Universität, lernt sie ihren zweiten Ehemann kennen: einen neun Jahre jüngeren Russen namens Dimitri Sokolow. Er stammt aus bürgerlichem Hause und konvertiert ihr zuliebe zum Islam. Das Paar radikalisiert sich. Wie das geschieht, darüber rätseln bislang die russischen Sicherheitsbehörden. Die spätere Attentäterin führt noch eine Weile ein Doppelleben, dann taucht sie in Dagestan unter und wechselt häufig den Wohnort. Ihr Ehemann wird von Familienangehörigen als vermisst gemeldet.

Dagestan – neue Terrorzentrale im Kaukasus

Dagestan, gelegen zwischen dem Kaukasusgebirge und dem Kaspischen Meer, ist seit einigen Jahren die neue Terrorzentrale Russlands. Lange nahm die Welt vor allem das benachbarte Tschetschenien als Konfliktherd wahr: Über eineinhalb Jahrzehnte lang hatte dort Bürgerkrieg geherrscht. Das russische Militär bekämpfte erbittert die Unabhängigkeitsbestrebungen von tschetschenischen Clans, deren Tyranei bereits ab den frühen 1990er Jahren hunderttausende Russen und Ukrainer in die Flucht getrieben hatte.

Der immer radikaler werdende Untergrund trug schließlich von hier aus den islamistischen Terror in die Nachbarrepubliken sowie ins russische Kernland. Im Westen fanden allenfalls die spektakulärsten dieser Anschläge größere Beachtung: in der Moskauer U-Bahn, in einem Musicaltheater in der Hauptstadt, in der Schule von Beslan. Oft war die Berichterstattung westlicher Medien verbunden mit Kritik am mangelhaften russischen Krisenmanagement oder dem militärischen Vorgehen von Präsident Wladimir Putin im Kaukasus.

Seit 2009 herrscht zwischen Moskau und der Republik Tschetschenien eine Art „Kalter Frieden“: Der lokale, durch Intrigen an die Macht gekommene Präsident Ahmad Kadyrow bekennt sich zur Russischen Förderation und unterstützt den Kampf der Zentralregierung gegen Terroristen. Im Gegenzug genießt er innerhalb Tschetscheniens Narrenfreiheit.

Seine Miliz geht grausam gegen konkurrierende Clans vor und treibt die Islamisierung der Republik voran. Die alten Terrorzellen gibt es hier kaum noch. Sie wurden vernichtet oder sind weitergezogen – viele davon über die östliche Republikgrenze nach Dagestan.

Die Kaukasusregion

Quelle: politaia.org

Dagestan ist eine der ärmsten Regionen Russlands. Das Gebiet von der Größe Niedersachsens ist ein Vielvölkerstaat mit landschaftlichem und sprachlichem Variantenreichtum. Die meisten der fast drei Millionen Einwohner haben einen islamischen Hintergrund, der sehr unterschiedlich gelebt wird: von modern-säkular bis streng orthodox. Einige Bergdörfer führten schon vor Jahren offiziell die Scharia ein.

Der Kampf um die religiöse Deutungshoheit hat sich in den letzten Jahren verschärft. Ende August 2012 starb durch ein Selbstmordattentat Scheich Said Afandi, die höchste geistige Authorität in Dagestan. Respektiert über Stammesgrenzen hinweg, hatte der 75jährige als Mann der Ausgleichs gegolten, der sich mit klaren Worten gegen die Scharfmacher in der Region wandte.

Am Tag nach dem Attentat von Wolgograd wird in einem Einkaufszentrum in der dagestanischen Stadt Chassawjurt eine Bombe mit einer Sprengkraft von 12 TNT entdeckt. Spezialisten können sie rechtzeitig entschärften.

Die Spur der Mörderin

Die Selbstmordattentäterin von Wolgograd ist in radikalen Kreisen Dagestans keine Unbekannte. Asijalowa gilt als „Macherin“, hat in letzter Zeit häufig Kriegswitwen und Ehefrauen islamistischer Kämpfer besucht und wahrscheinlich Spenden für den bewaffneten Kampf gesammelt. Geld, das ihr für medizinische Behandlungen überlassen worden ist, gibt sie offenbar an Terroristen weiter. Ihr russischer Ehemann gilt als begabter Bombenbauer: Seine Sprengsätze sollen bereits über ein Dutzend Menschenleben gekostet haben.

Es ist anzunehmen, dass Asijalowa Kontakt hatte mit Doku Umarow, dem derzeit meistgesuchten Terroristen Russlands. Umarow wird unter anderem für den Anschlag auf dem Moskauer Flughafen Domodjedowo verantwortlich gemacht, bei dem im Januar 2011 mindestens 37 Menschen starben. Zuletzt hat er Terrorangriffe im Zusammenhang mit der bevorstehenden Olympiade in Sotschi angekündigt.

Moskau ist das Ziel, als sich Asijalowa am 21. Oktober auf dem Weg zu ihrer letzten Mission macht. In Ihrer Tasche wird man später ein Busticket vom dagestanischen Machatschkala in die Hauptstadt finden. Wolgograd soll eigentlich nur Umsteigestation auf der fast zweitägigen Reise sein. Doch nach Anschlägen auf Züge in den letzten Jahren sind die Sicherheitsvorkehrungen in Russland verstärkt worden. Am Eingang des Wolgograder Hauptbahnhofs stehen Uniformierte neben Metallschleusen; Röntgengeräte durchleuchten jedes Gepäckstück. Auch Fernbusse aus dem Kauskasus werden oft kontrolliert.

Ermittler finden heraus, dass sie bereits den Sprengstoff bei sich trägt, als sie in Dagestan den Fernbus nach Moskau besteigt. Feine Spuren desselben Dynamits, der im Unglücksbus sichergestellt wird, finden sich auch am Sitz des Fernbusses, den sie in Machatschkala bestiegen hat. Doch was treibt Asijalowa dazu, den Bus in Wolgograd zu verlassen und hier nach einem Ort zu suchen, wo sie maximalen Schaden anrichten kann?

Eine Überwachungskamera im Einkaufzentrum „Akwarel“ liefert die letzten bewegten Bilder der Frau. Sie trägt eine islamische Kopfbedeckung, den Hidjab, eine große Handtasche sowie ein weites Gewand. Unter ihrer Verhüllung zeichnet sich eine scheinbar sehr korpulente Figur ab, die jedoch überhaupt nicht zu ihrer Beweglichkeit passt. Die linke Hand ist bandagiert. Unter dem Verband befindet sich der Auslöser für den Sprengstoffgürtel, der bald ein Blutbad anrichten wird.

Um diese Zeit, es ist später Mittag, ist es ruhig in der Einkaufspassage. Asjalowa sucht weiter nach einem geeigneten Ziel für ihr tödliches Vorhaben. Als kurz darauf zahlreiche Studenten nach dem Ende ihres Unterrichts von der gegenüberliegenden Universität in Richtung Bushaltestelle strömen, fällt sie ihr Urteil. Die verhüllte Frau besteigt einen voll besetzten Bus der Linie 29 in Richtung Jubilejnij-Platz.

Die spätere Selbstmordattentäterin im Einkaufszentrum

Top-Thema in Russland, Randnotiz in Deutschland

Der Schock nach dem Angriff in Wolgograd sitzt tief. Die Regionalverwaltung ordnet drei Tage Trauer an. Das höchste russische Parlament, die Duma, legt eine Schweigeminute ein. Die öffentliche Anteilnahme bei den ersten Beerdigungen ist riesig. Aber auch Empörung macht sich Luft, die Nerven liegen blank. In der Nacht nach der Tragödie schleudert ein Unbekannter einen Molotow-Cocktail in einen muslimischen Gebetsraum. Das Feuer wird gelöscht, noch bevor die Polizei eintrifft. In der Nacht auf Donnerstag prallt ein Brandsatz von der Mauer einer Moschee ab, ohne Sachschaden anzurichten. Eine als Trauermarsch angemeldete Demonstration auf dem Jubilejnij-Platz im Süden Wolgograds wird mit Verweis auf die angespannte Lage verboten. Ein benachbarter Markt, auf dem kaukasische Händler ihre Stände haben, wird sicherheitshalber für einen Tag geschlossen.

Pressefreiheit mag in Russland etwas anderes bedeuten als bei uns. Doch die Berichterstattung über den Terrorakt von Wolgograd ist umfassend und sachlich. Auch die Nachrichtenkanäle in westlichen Sprachen werden mit viel Information versorgt. Analysen beleuchten die Situation im Kaukasus, die Sicherheitsvorkehrungen für die Olympiade in Sotschi und das menschliche Leid von Opfern und Angehörigen.

Präsident Putin und andere Politiker appellieren in rücksichtsvollen Worten an die die russische Bevölkerung sowie die muslimischen Mitbürger. Nur der für seine markigen Sprüche bekannte Parlamentsabgeordnete Wladimir Schirinowski fällt aus der Reihe. Er fordert, man solle künftig die gesamte Familie von Selbstmordattentätern zur Abschreckung für Jahre in Arbeitslager stecken.

In Deutschland und Westeuropa dagegen ist das mediale Interesse trotz der spektakulären Aufnahmen der Explosion vergleichsweise gering. Die Koalitionsverhandlungen in Berlin oder das Privatleben des Noch-Ehepaars van der Vaart scheinen vielen Journalisten wichtiger zu sein. Über den Anschlag auf den Marathonlauf von Boston am 15. April dieses Jahres mit drei Toten durch zwei aus Tschetschenien stammende Attentäter hatten unsere Medien tagelang und intensiv berichtet. Zu Recht. Terroranschläge in Russland – Europa – mit ähnlichem Hintergrund, aber höheren Opferzahlen, finden viel weniger Beachtung.

Kaukasus-Terrorismus: Näher, als uns lieb sein kann

Warum ist das Thema kaukasischer Terrorismus im Westen so wenig gefragt? Die Abneigung gegen das Regime des russischen Präsidenten Putin dürfte eine Rolle spielen. Oder die Tatsache, dass Zentraleuropa bislang verschont blieb von Terrorangriffen, wie sie anderswo auf der Welt fast schon Teil der Tagesordnung geworden sind. Der leichtfertige Gebrauch des Begriffes „Schwarze Witwe“ ist kein Prädikat für journalistische Objektivität.

Die Bezeichnung ist ein Kampfbegriff, der vor Jahren von tschetschenischen Terroristen ins Spiel gebracht wurde, um Verbrechen gegen Zivilisten in Russland zu rechtfertigen. Nach dem Motto: „Seht her, die bössen Russen haben in Tschetschenien ihren Mann umgebracht – sie hat ein Recht auf Rache.“

Die Angreiferin von Wolgograd hatte keine Biografie, die in diese Richtung deutet. Sie war schlicht eine Verbrecherin, getrieben von Menschenverachtung und der Irrationalität rücksichtsloser, religiöser Fanatiker. Man sollte es unterlassen, mit der Kennzeichnung „Schwarze Witwe“ Massenmörderinnen auch nur den kleinsten Anschein von Legitimation oder Opferstatus anzudichten.

Schließlich die Frage: Weshalb geht uns der Terror in Russland an?

Abgesehen von gebotener menschlicher Anteilnahme: Weil er näher ist, als uns bewusst ist – und näher, als uns lieb sein kann. Wie die Tageszeitung „Die Welt“ Anfang August berichtete, stellten im vergangenen Jahr rund 3200 russische Staatsbürger einen Asylantrag in Deutschland.

Über zwei Drittel von ihnen sollen aus Tschetschenien stammen. Bis Mitte Juli 2013 schnellte die Zahl der Asylbewerber mit russischem Pass auf mehr als 10.000 hoch – fast alle aus dem Kaukasus. Der deutsche Verfassungsschutz ist alarmiert und fürchtet, dass bereits hunderte Angehörige der islamistischen Terrorzelle „Kaukasisches Emirat“ auf deutschem Boden aktiv sind. Auch in Österreich sollen schon Anhänger von Doku Umarow eingesickert sein.

„Wir haben es hier mit einer terroristischen Internationale zu tun. Attacken wie in Boston, in Nairobi oder jetzt in Wolgograd sind nicht voneinander zu trennen. Wir sitzen im selben Boot“, betont der in Russland und in den USA tätige Terrorismus-Experte Alexander Domrin im Fernsehsender „Russia Today“. „Ungeachtet dessen, was man von Russland oder der russischen Regierung halten mag: Wenn wir es mit einer Terrorattacke in Russland zu tun haben, dann ist das nicht nur ein Angriff gegen das russische Volk, sondern ein Angriff gegen uns alle.“

* Name geändert

** Inzwischen ist bekannt, dass die 44jährige Kontolleurin in einer Moskauer Spezialklinik ihren Verletzungen erlegen ist. Damit erhöhte sich die Anzahl der Todesopfer auf sieben.

Siehe auch:
Liste von Terroranschlägen in Russland seit 1995 (Auswahl)

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